Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 12 (März 1938)
- Article
- Gedanken zur Berufswahl
- Date
- 1938-03-01
- Page
- 490 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Gedanken zur Berufswahl Gesellschaftliche Konvention hat früher gerade bei uns Juden die Berufswahl aufs stärkste beeinflußt. Das Bedürfnis, durch akademische Titel einen sozialen Aufstieg anzustreben oder vorzuweisen, hatte mannigfache Ursachen, vor allem darin, daß erst dadurch die volle Gleichberechtigung erreicht zu sein schien. Eine Folgeerscheinung jener einseitigen Berufswahl, doch auch noch früherer, voremanzipatorischer Berufsschichtung, ist die Geringschätzung der handarbeitenden Berufe. Diese Abwehr gegen Landwirtschaft und Handwerk ist heute durchaus nicht überwunden, trotzdem kein Land darauf wartet, Akademiker oder Kaufleute aufzunehmen, gut ausgebildete Landwirte und Handwerker aber Aussichten in verschiedenen Ländern haben. Für 'die anderen' hält man diesen Weg für richtig, für die eignen Kinder weniger. Daß jüdische Jugendliche nicht zur Handarbeit geeignet seien oder darin keine innere Befriedigung fänden, ist unrichtig. Die Erfahrungen und Erfolge beweisen das Gegenteil. Vielfach versucht man sich selbst über die wahren Umstände dadurch hinwegzutäuschen, daß die Entscheidung durch Entsendung der Kinder in ausländische Schulen hinausgezögert wird. Als zusätzliche, vor allem sprachliche Ausbildung kann das wertvoll sein, eine Berufsentscheidung aber wird durch solche Unterbringung nicht getroffen oder gefördert; unerbittlich tritt dann trotzdem die Frage an jeden jungen Menschen heran. Diese Umgehung einer Antwort wirkt sich dann sehr ungünstig aus, wenn die Jugendlichen dadurch nur zu einem späteren Zeitpunkt, mit 18 anstatt mit 15 oder 16 Jahren, zum Handwerk oder zur Landwirtschaft kommen, weil die Einordnung dann schwieriger ist. Die große Chance, die unsern Jugendlichen heute durch die Mittlerenhachschara und andere Ausbildungsstellen geboten wird, liegt gerade darin, daß die Jugendlichen eine Erstausbildung in einem Berufe erhalten, der ihnen Grundlage für den Aufbau ihres späteren Lebens sein kann und, wie wir hoffen, auch sein wird. Oft wird noch der Fehler gemacht, Jugendliche zunächst probeweise in kaufmännische Berufe zu schicken — denn freiwillig gehen heute die wenigsten —, um sie dann später mit 18 oder 20 Jahren umschichten zu lassen. Der Berufswechsel in diesem Alter stärkt keineswegs das Selbstvertrauen, erschüttert nur zu oft den Glauben des jungen Menschen an seine Aufgabe. 490