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Der Morgen · 1938-02-01 · Heft 11 (Februar 1938) · p. 463

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 11 (Februar 1938)
Article
Binnenwanderung als Etappe der Auswanderung
Date
1938-02-01
Page
463 (sequence 4)
Language
German
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Binnenwanderung als Etappe der Auswanderung die ihre Beitragsverpflichtungen immer in vollem Umfange erfüllt hat und auch sonst sozial ausgleichend wirkte. Vor wenigen Wochen ist der Hauptsteuerzahler dieser Gemeinde ausgewandert. Wie mit einem Schlage ist dadurch aus dieser relativ gut gestellten Gemeinde eine völlig leistungsunfähige Notstandsgemeinde geworden. Die Firma, die der Hauptsteuerzahler leitete, hatte eine Anzahl jüdischer Angestellter und Vertreter beschäftigt, hatte zahlreiche Gemeindemitglieder unterstützt oder ihnen Kredite gewährt — kurz, die ganze Gemeinde hing von diesem einen Mitglied ab. Mit seinem Wegzug sind eine ganze Anzahl von weiteren Gemeindemitgliedern um ihre Existenz gebracht, die Gemeinde im ganzen ist völlig mittellos geworden. Sie könnte heute ihren Haushalt auch nicht mit 50 und mehr Prozent der Einkommensteuer zum Ausgleich bringen. Wir haben bisher nur die passive Seite der Binnenwanderung betrachtet, die Auswirkungen auf die Klein- und Mittelgemeinden. Wie sieht aber nun die Aktivseite aus, der Zuzugsgewinn in den Großgemeinden? Hier zeigt sich mit besonderer Deutlichkeit der entscheidende Unterschied, den die seit 1933 sich vollziehende Binnenwanderung gegenüber den eingangs skizzierten Entwicklungen der früheren Jahrzehnte aufweist. Wenn früher ein Jude aus der Kleinstadt in die größere Stadt, aus der Mittelgemeinde in die Großgemeinde zog, so war das Motiv die berufliche und soziale Weiterentwicklung. Im Sinn und in der Tendenz der früheren Binnenwanderer war das, was sich mit ihrer Wanderung vollzog, für das Individuum ein wirtschaftlicher und sozialer Aufbau; für die Gemeinschaft war zwar auch damals schon die Schwächung der verlassenen Gemeinden durchaus problematisch, sie wurde aber durch die Stärkung der großen Gemeinden mindestens zum Teil wettgemacht. Wie sehen demgegenüber die Motive des Binnenwanderers von heute aus? Weiche Bevölkerungsgruppen, welche Altersgruppen sind vorwiegend beteiligt? Die Binnenwanderung von heute ist nicht mehr Ausdruck eines wirtschaftlichen Aufbaus, sondern der wirtschaftlichen Liquidation. Fast ausnahmslos geht die Verlegung des Wohnsitzes mit der Aufgabe der bisherigen Existenzgrundlage oder einer durch die Auswanderung bedingten Auflösung der bisherigen Familienbande Hand in Hand. Es können sechs Hauptgruppen der Binnenwanderung unterschieden werden: 1. Der Kaufmann, Fabrikant oder Akademiker, der seinen Betrieb verkauft bzw. seinen Beruf aufgibt und in der Großgemeinde von seinem Kapital zu leben beabsichtigt. 2. Der Jugendliche, der zur Berufsausbildung für spätere Auswanderung in die Hachscharastätten oder in die handwerklichen Ausbildungseinrichtungen der Großgemeinden zieht. 463

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