Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1938)
- Article
- Binnenwanderung als Etappe der Auswanderung
- Date
- 1938-02-01
- Page
- 462 (sequence 3)
- Language
- German
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Max Birnbaum die innere Struktur der jüdischen Gemeinden in Deutschland beeinflußt, bedarf einer besonderen Darstellung. Als negative Seite der Wanderung im Binnenraum zeigt sich zunächst eine Verkümmerung der Klein- und Mittelgemeinden in augenfälligem Tempo. Ihr Ergebnis ist einmal die Auflösung zahlreicher Klein- und Kleinstgemeinden, andererseits das Hilfsbedürftig-Werden von Mittelgemeinden, die noch bis vor kurzem als Träger des sogenannten Lastenausgleichs angesehen werden konnten. Die Auflösung der Kleinstgemeinden hat gerade in dem abgelaufenen Jahr außerordentliche Fortschritte gemacht. Immer stärker führen die Folgen der Ab- und Auswanderung zu einem Verschwinden des Minjan, damit zum Aufhören des regelmäßigen Gottesdienstes und im weiteren Verlauf zum Verkauf der Synagoge, die von den wenigen noch vorhandenen Familien nicht mehr erhalten werden kann. Man muß heute den Kreis der Gemeinden, die nicht mehr als selbständige Gebilde gehalten werden können, wahrscheinlich auf alle unter 50 Seelen ausdehnen. Dabei spielt eine besondere Rolle das Problem der Altersgliederung, das für die Zukunft dieser Gemeinden eine noch ungünstigere Prognose stellt, als sie schon die Gesamtzahlen zulassen. So entfallen z. B. von den 258 Seelen der schon einmal erwähnten Gemeinde Gießen 140, also rund 55%, auf die Jahrgänge über 50, dagegen nur 23 Seelen, also 9°/o, auf Personen unter 20 Jahren. Diese Struktur zusammen mit dem oben angegebenen Absturz der Gesamtseelenzahl innerhalb weniger Jahre enthüllt an einem nicht vereinzelten Beispiel die Entwicklungskurve der kleinen Provinzgemeinden. Das zweite Problem, das für die Gemeindearbeit wahrscheinlich noch wesentlicher ist, ist die Zukunft der Mittelgemeinden, d.h. der Gemeinden etwa zwischen 500 und 5000 Seelen. Das waren die Gemeinden in den mittleren Städten, zum Teil auch in Großstädten, die von den Landesverbänden als wesentliche Grundlage ihrer ausgleichenden Subventionstätigkeit angesehen werden konnten. Diese Gemeinden waren vielfach noch relativ gut gestellt und in der Lage, erhebliche Beiträge zugunsten schwächerer zu leisten. Heute sind sie in einem immer steigenden Maße selbst subventionsbedürftig geworden, weil sowohl die Binnenwanderung wie die Auswanderung in zahlreichen, ja in den meisten Fällen den Gemeinden gerade diejenigen Mitglieder genommen hat, die bis dahin ihre stärksten Steuerzahler waren. Für diese Entwicklung muß der folgende praktische Fall als typisch angesehen werden. Eine Gemeinde — es handelt sich nicht einmal um eine Mittel-, sondern um eine Kleingemeinde — konnte bis vor kurzem noch mit einem relativ hohen Einkommensteuersoü rechnen und ihren Haushalt mit dem niedrigen Satz von 15 % der Einkommensteuer decken. Es war eine Gemeinde, 462