Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1938-02-01 · Heft 11 (Februar 1938) · p. 461

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 11 (Februar 1938)
Article
Binnenwanderung als Etappe der Auswanderung
Date
1938-02-01
Page
461 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2895450-2895566-2895578-2907916--10366-2907964
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Binnenwanderung als Etappe der Auswanderung legen: in derGemeinde Meseritz lebten im Jahre 1840 1155Juden; im Jahre 1912 waren es nur noch 144, heute sind auch davon nur noch 44 zurückgeblieben. In dem gleichen Zeitraum — 1840 bis 1912 — stieg aber die jüdische Bevölkerung Düsseldorfs von weniger als 300 auf fast 4000 Seelen, Berlins von knapp sechseinhalbtausend auf 140 000. Es haben sich also im Laufe des letzten Jahrhunderts tiefgehende Verlagerungen innerhalb der jüdischen Bevölkerung vollzogen, die vornehmlich auf Binnenwanderung zurückzuführen sind. Die Erscheinung der Binnenwanderung tritt neuerdings wieder in den Vordergrund des Interesses durch die außerordentliche Beschleunigung ihres Tempos, die ihrerseits nur eine der Folgen des durchgreifenden Strukturwandels der Judenheit in Deutschland darstellt. Was sich früher in Jahrzehnten entwickelt hat, vollzieht sich heute in wenigen Jahren, ja Monaten. Die Gemeinde Homburg ist in den letzten vier Jahren von 400 auf knapp 150 Seelen gesunken; Gießen von 855 auf 258 Seelen; das ist ein Rückgang um mehr als zwei Drittel. Bochum hat sich von 1069 auf 545 Seelen, d. h. um die Hälfte verringert. Dies sind keine vereinzelten Beispiele. Es könnten Dutzende von gleichen Fällen genannt werden. Sie beweisen, daß es eine große Zahl von Gemeinden gibt, deren jüdische Bevölkerung weitaus stärker zurückgegangen ist als der Reichsdurchschnitt, der für Ende 1937 nur einen Rückgang von rund 27% gegenüber 1933 aufweist. Gleichzeitig hat sich — und das ist ja der eigentliche Ausdruck der Binnenwanderung — eine starke Verlagerung nach den wenigen größeren Gemeinden hin vollzogen. Nach einer Erhebung, die vor kurzem von der Statistischen Abteilung der Reichsvertretung durchgeführt wurde, ist die Zahl der Synagogengemeinden mit mehr als 500 Seelen in den Jahren 1933 bis 1937 von 67 auf 52 gesunken. Während aber 1933 in dieser Gemeindekategorie, d.h. in den Mittel- und Großgemeinden, rund 74o/o der jüdischen Gesamtbevölkerung wohnten, sind es heute rund 84o/o. Davon leben wiederum die meisten, nämlich 63 o/o der jüdischen Gesamtbevölkerung, in den sieben .Gemeinden mit mehr als 5000 Seelen (Berlin, Frankfurt a.M., Hamburg, Breslau, Köln, Leipzig, München); 1933 waren es nur 55o/o, obwohl damals auch noch die Gemeinden Nürnberg, Mannheim und Düsseldorf über der Fünftausendergrenze lagen. Diese Verschiebung aber ist nur relativ. Der absoluten Zahl nach sind auch die Großgemeinden ausnahmslos erheblich zurückgegangen. Denn die Veränderungen im Bestand der Gemeinden entspringen einem Zusammenwirken von Binnen- und Auswanderung, und beide Faktoren greifen aufs engste ineinander. Wie die Auswanderung das Gefüge und 461

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.