Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1938)
- Article
- Judentum für alle Tage
- Date
- 1938-02-01
- Page
- 451 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Judentum für alle Tage wurde zu groß, er konnte fliegen. Die Griechen wußten, was es damit auf sich hat, wenn das weiche Wachs menschlicher Natur der Sonne zu nahe kommt, und bannten dieses Wissen in den Mythos von Ikarus; auch wir können es wissen, wenn wir von dem Leben Hölderlins oder Nietzsches lesen. Es gab in neuester Zeit einen Menschen, der der gleichen Gefahr fast erlegen wäre, Franz Kafka. Er notiert in seinem Tagebuch, daß er die Hände auf beide Schultern gelegt, um seinem Gewicht noch etwas hinzuzutun. Aber als Jude fand er instinktiv den sichernden Halt; an ihm hat die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums einmal ein Leben gerettet. Er erfuhr, daß es nichts nützt, sich in die Sinnlichkeit einzuwühlen, wo sie am tiefsten ist, und ward wie die alten Gesetzeslehrer zum rigorosen Moralisten, nicht aus Borniertheit, sondern aus dem Gegenteil. Denn er war wohl seit langer Zeit darin der erste Jude, daß er die eigentliche Aufgabe des Gesetzes begriff, seine Wohltat, seine Gnade: daß es den Menschen auf seinen zwei Beinen sicher auf die Erde stellt und auf der Erde hält. Freilich konnte, wer nur die Bleischuhe sah, nicht ahnen, wozu sie gut sein sollten und, vor allem, weshalb sie mit der Zeit immer schwerer geworden waren, bis sie mit einem Ruck von den Füßen flogen. Jetzt streift man sie mit einem zärtlichen Blick und träumt davon, einmal so kräftig die Flügel zu regen, daß man die alten Stücke, wenn vielleicht auch in einem neuen Modell, doch ebenso schwer oder — wer weiß? — noch schwerer brauchte... Daß dem Experiment, durch Anlegen erst leicht genagelter, dann immer schwererer Schuhe fliegen zu lernen, der Erfolg meist versagt blieb, wird nun vielleicht nicht mehr ganz so sehr wunder nehmen. So etwa sieht jüdisches Leben aus, wenn man es zum erstenmal aus der Ferne wiedersieht, im Umriß nur, doch wie einen klar gezeichneten Gipfel im ersten frühen Morgenschimmer. Es wird lange dauern, bis wir wieder da oben atmen, und heißere Mühe kosten, als sie für den Abstieg nötig war. Aber wir sehen nun das Ziel und wenigstens den Anfang des Weges. Das Ziel heißt heute wie eh und je: wieder richtig auf zwei Beinen mitten im Leben stehen, wo auch immer, den Himmel mit seinen Sternen über sich, wie immer sie sich zueinander neigen. Am Beginn des Weges stehen wir schon, ohne unser Zutun mit plötzlichem Ruck auf ihn gestellt. Wir brauchen nur Ja zu sagen zu der Lage, in der wir uns befinden. Die Gegenwart ist immer weiter von uns abgeglitten; wir sind außerstande, sie zu halten, geben wir es auf. Wir selbst wären wohl nie fähig gewesen, uns aus einer schützenden, bindenden Gegenwart wieder zu lösen; denn nur dieser erste Schritt ist wirklich schwer. Die 451