Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1938)
- Article
- Judentum für alle Tage
- Date
- 1938-02-01
- Page
- 452 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Judentum für alle Tage nächsten werden viel leichter sein. Hinter der Gegenwart, dem Jetzt, steht nämlich nicht das Nichts, nicht der Abgrund, wie der zagende Fuß es befürchtet, sondern die wahre Lebensluft des Judentums, das Immer, die Dauer, die Zeitlosigkeit in der Zeit. Der Boden trägt! Er trägt vom ersten Augenblick an, weil es in diesem Bereich, wie in jedem, dessen Leben echt ist, nur Notwendigkeit und keinen Zufall, für jede wirkliche Not also eine wirkliche Hilfe gibt. Sonst, äußerlich, ändert sich gar nichts. Wir haben nur — wie merkwürdig und wie selbstverständlich! — den Weg der Vergangenheit nochmals zu gehen, nicht einmal in umgekehrter Richtung, nur mit anderem Ziel: auf unserer Bahn vorwärts zum Judentum steht als erste Etappe die Auseinandersetzung mit dem Abendland. Da uns nichts ferner liegt, als von einem neuen Ghetto zu träumen, kann von einer grundsätzlichen Ablehnung und Verwerfung dessen, was die letzten Generationen geschaffen haben, gar keine Rede sein: nur die jüdischen Gehalte sind daraus zurückzugewinnen. Wir haben entdeckt, daß Judentum nicht in erster Linie eine Sache des Glaubens ist, und können den Weg deshalb in größerer Freiheit wählen. Mit dem Gesetz anzufangen, hat sich als falsch erwiesen: erst Stück für Stück, wie es im Leben notwendig gebraucht wird, kann es uns wieder zu eigen sein. Der entscheidende Punkt liegt darin, daß wir dem Leben, das uns erwartet, im ersten Anprall keineswegs gewachsen wären, waren ihm doch selbst die Juden vor ihrer Berührung mit dem Abendland nicht mehr gewachsen. Es bedarf also eines richtigen Trainings in dem, was mit zunehmendem Glauben entsprechend abgenommen hat: der Unabhängigkeit, der inneren Freiheit. Sie ist nur dort zu erlangen, wo sie vorhanden ist: bei den Klassikern aller Zeiten. Die beste Vorbereitung dazu, wieder Jude zu werden, besteht darin, Goethe, Swift, Montaigne, Dante, Augustin, Aristoteles und Plato zu lesen, — dann könnten wir der Bibel etwas. näher gerückt sein. Damit werden wir gleichzeitig einer Aufgabe gerecht, der einzigen, die uns gestellt ist: Aberglauben und Götzendienst von unserem Weg zu entfernen. Dieser Aufgabe haben die Juden der letzten Jahrhunderte nicht genug getan; oder wissen wir nur besser, tiefer, erlebter als sie, wie es mit uns darum bestellt ist? Es ist kein öder Weg, der vor uns steht: schon bei den ersten Schritten ist zu entdecken, daß es überall Zeiger und Zeichen gibt. Eins davon steht für den Anfang über diesen Zeilen. Der lateinische Spruch besagt: Das Schicksal führt den, der sich ihm anvertraut, den Widerstrebenden reißt es hinweg. Das'Schicksal* der Antike war eine unerbittliche Gottheit, und blind. Wir wissen den Namen eines Sehenden dafür. Wir sollen ihn nicht unnütz nennen. Hans Bach 452