Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1938)
- Article
- Judentum für alle Tage
- Date
- 1938-02-01
- Page
- 450 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Judentum für alle Tage durchsetzte und allen Geist im Fluß erhielt! Ein Beweis aber auch, daß jede religiöse Vorschrift, die mit dem Leben nicht in Einklang zu bringen ist, beiseitegefegt und höchstens in versteinertem Zustand pietätvoll mitgeführt wird, wie damals, als Juden dem vollen Aug in Auge mit der Bibel nicht mehr gewachsen waren. Anders nämlich könnte man sich auch nie und nimmer vorstellen, daß sie ein Leben, wie sie es führten, ein herrliches Leben voller Wunder (und besserer als was man gewöhnlich so nennt) freiwillig hätten aufgeben können, um sich in den kleinen Käfig bürgerlicher Freiheit zu ducken. Erwartung und Bereitschaft gaben eine Richtung und einen Rahmen, aber noch keinen Inhalt her. Da von der ihrer Bedeutung entkleideten Gegenwart der Inhalt nicht zu gewinnen war, nahm man ihn anderswoher: aus der Vergangenheit. Wer behaglich umhüllt in gesicherter Stube sitzt, läßt neugierig den Blick zurückschweifen, nur halb beteiligt, in der ruhigen Muße, bis ins Kleinste hinein in Erfahrung zu bringen, 'wie es einmal war': jedes Wissen vom Damals mehrt seinen Besitz. Wer der Zukunft lebt, muß sich ungedeckt im scharfen Wind von Nu zu Griff entscheiden; ihm taugt vom Gewesenen nur was zum Maßstab dient, die klaren Linien, die typischen Bilder, der ewige Kern: er muß auf das Wesentliche sehen. Deshalb war dem jüdischen Menschen die Vergangenheit zeitlose Gegenwart, darum mangelte ihm — wenn anders das ein Mangel ist — der geschichtliche Blick. Dafür erfuhr er die unwandelbaren Mächte des Daseins anders als wir, die sie wie eine Antenne nur mit dem Kopf aufnehmen: am ganzen Leibe; und vor allem die größte jener Mächte erfuhr er so. Über Erlebnisse dieser Art redet man nicht viel; sie müssen wiederholt werden, um begriffen zu werden. Sollte Erfahrung durch das Wort wiedergegeben werden, so schloß man sie in ein Gleichnis ein. Für wichtigere aber machte man — denn jedes neue Geschlecht kam aufs neue an dem gleichen Ort der Seele vorbei — Merkzeichen, unscheinbare Symbole im Gottesdienst, bei den häuslichen Festen am liebsten etwas aus Teig, zum Essen: dabei konnte jeder sich soviel denken, wie ihm auf seiner Stufe menschlicher Entwicklung zugänglich war. Jene Art der Erfahrung läßt nun auch verstehen, warum die Juden auf die Dauer vergleichsweise wenig vom Wissen der Umwelt beibehielten. Ein Vergleich war immer möglich, und wo fremdes Gut dem eignen ebenbürtig oder überlegen war (wie z. B. Aristoteles im Mittelalter), übernahmen sie es unbefangen; meist müssen sie ihres als das stärkere empfunden haben. Wer so leben wollte, dem Absoluten schutzlos preisgegeben, der Zukunft offen und das Gültige der Vergangenheit zum Muster nehmend, der kam in eine merkwürdige Gefahr: der Auftrieb 450