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Der Morgen · 1938-02-01 · Heft 11 (Februar 1938) · p. 449

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 11 (Februar 1938)
Article
Judentum für alle Tage
Date
1938-02-01
Page
449 (sequence 5)
Language
German
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Judentum für alle Tage Nicht so hitzig! Wir wollten nur begreifen, wie die Juden früher gelebt haben. Die Erwartung des Messias ist zuallererst verlorengegangen, so wird sie sich wohl zuallerletzt erst wieder einstellen; und wenn die erste Hälfte des Wegs drei oder vier Generationen gedauert hat, werden für die zweite auch wohl nicht weniger als zwei Geschlechter nötig sein... Hier scheint unserer Frage, wie jüdisches Leben aussieht, eine erste Antwort zu winken: es ist ein Leben, worin alles was geschieht, mit Erwartung durchsetzt, von Erwartung getönt ist. Was aber Erwartung bedeutet, wissen wir: es ist Zukunft. Wer in Erwartung lebt, ist wie schwebend über die 'Wirklichkeif — was man so nennt — hinausgehoben; alles ist etwas abgerückt, distanziert und greift, ohne deshalb weniger deutlich vor Augen und vor Händen zu stehen, nicht unmittelbar ans Herz. Die Bedeutung der Gegenwart schmilzt in sich zusammen, wenn man der Zukunft unverlierbar sicher ist. Jüdisch leben heißt demnach in Erwartung, in Bereitschaft leben. Es ist ein Leben, bei dem man vielleicht nicht ganz glücklich, jedenfalls aber nie vollkommen unglücklich sein kann. Nur muß es, wenn die Bereitschaft lange oder gar lebenslange dauert, sehr anstrengend werden: ist die Solveig, die immerzu auf Peer Gynt wartet, nicht eine etwas melodramatische Märchenfigur? Wohl ist sie das, weil sie nur wartet; ein normaler Mensch hat ja außerdem noch etwas zu tun. Selbst harte Tagesarbeit aber würde die Abende noch immer nervenzermürbend lang werden lassen. Die alten Juden, denen es verwehrt war, sich vom Lauf der Gegenwart unproblematisch mittragen zu lassen, brauchten deshalb — ganz unpathetisch ausgedrückt—: ein Steckenpferd. Welches, war — vom Leben her gesehen — im Grunde gleichgültig, wenn es nur den Anforderungen einer Freizeitbeschäftigung ohne Lockerung der Lebensspannung entsprach: es mußte etwas ganz anderes sein als die Tagesarbeit, ein völlig zweckfreies, aber keineswegs müheloses und deshalb befriedigendes Tun, kurzum ein Steckenpferd. Daraus erklärt sich, daß die niederen Vergnügungen so geringen Raum einnahmen: sie waren nicht interessant genug. Nur die Wissenschaften und etwa das Schachspiel hielten der Spannung die Waage, und je tiefer die Herzen in Erwartung bebten, desto subtiler, spielerischer, weltferner und nervöser wurden die Flüge des Geistes (— weshalb die 'Spitzfindigkeit' talmudischer Dialektik uns so völlig unbegreiflich erscheint). Konnte doch sogar die Bibel, weil sie diesem Denkspiel stärker widerstand, zuzeiten in der allgemeinen Aufmerksamkeit fast ganz hinter den Talmud zurücktreten, — ein Beweis, wie in dieser scheinbaren Starrheit das Leben sich 449

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