Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1938)
- Article
- Dem Andenken Jaques Rosenthals
- Date
- 1938-01-01
- Page
- 442 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ward offenbar mit seinen Führern, Fürsten und Richtern, seinen Architekten und Gelehrten, seinen Moden, Zeremoniellen und Kochrezepten. In den berühmten, umfassenden Katalogen war die Fülle geordnet und kommentiert und in vollendeter Weise dargeboten. Die Zeitschrift des Hauses: „Beiträge zur Forschung" brachte wertvolle Arbeiten der Fachgelehrten aus allen Gebieten der Graphik, Buchtechnik und Handschriftenkunde. Soviel vom Werk. Jacques Rosenthal selbst — er war ein kleiner, hagerer, graubärtiger Herr mit scharfen und kühnen Zügen. In seinen prachtvollen, jungen, dunklen Augen lag seine ganze Schaffens- und Schöpferkraft Es war an ihm etwas Fürstliches und Patriarchalisches, man nahte ihm nicht wie einem jeden. Überlegenheit war auch in seiner bezaubern den Liebenswürdigkeit und in seiner Bescheidenheit. Denn Jaques Rosenthal blieb zeitlebens ein nüchterner und bescheidener Mann, der seine Titel nicht führte und dessen Orden fast ausschließlich zum Putzen aus ihren Etuis genommen wurden. Aber unvergeßlich schön wußte er von tollen und merkwürdigen Begebenheiten aus seinen 65 Schaffensjahren zu erzählen, und so klar und lebensvoll waren diese Geschichten — bei denen ihm sein phänomenales Gedächtnis zugute kam —, daß der Zuhörer aus der atemraubenden Begebenheit sich am Ende unsanft und abrupt wieder in seine Zeit gestellt sah. Fast immer ging es um Bücher, Manuskripte, Autographen, Kataloge, Einbände und Zeichnungen. Noch während seiner Krankheit, an der er in den letzten Jahren immer stärker litt, las er, solange es seine Augen erlaubten, Kataloge, die für ihn spannendste Dinge enthielten. Wo der Laie Nummern und Preise sieht, da sah er das Buch; er kannte Jahr und Ort seines Erscheinens, Art und Zahl seiner Auflagen, seine Verleger und Drucker und Besitzer und ihre Schicksale, er sah die Breite der Ränder vor sich, das Mittelblatt, die Defekte und die Besonderheiten, das ganze Schicksal der Bücher, das oft mit dem seinen verwoben war. Wenn er dann mit der gesunden linken Hand irgendwo ein Kreuzchen angemerkt hatte, schaute er manchmal von der Lektüre auf und fing mit ganz jung blitzenden Augen zu erzählen an: von Jagden nach kostbaren Raritäten und Entdeckungen, von purpurnen Missalen, die jahrzehntelang auf dem Speicher eines Bauernhauses zwischen Flaschen, Kisten und Zwiebeln gelegen hatten, von nächtlichen Fahrten über eine windige Ebene der Normandie zu einem Pächterhaus, von dessen Besitzer man erzählte, daß er alte Bücher hätte, wie dann aus den schweren Truhen Inkunabeln hervorkamen, von denen der Pächter eigentlich selbst nicht verstehen konnte, warum er sie so lang aufgehoben hatte, von dem winzigen Bucl> und Schreibwarengeschäft in einer englischen Provinzstadt, wo die ältesten bekannten Blockbücher lagen, von Kostbarkeiten, die die Buchbinder früherer Zeiten als Einbandstützen verwendeten und die nach Jahrhunderten mit unendlicher Vorsicht wieder herausgelöst wurden — einmal war einem Meister sogar die Brille unversehens in die Arbeit gerutscht und kam nach etlichen 442