Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1938)
- Article
- Dem Andenken Jaques Rosenthals
- Date
- 1938-01-01
- Page
- 441 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895577-2907840--10332-2907901- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
kleine Erinnerungen aus einer längst historischen Zeit, aus dem München, das noch das des Moritz von Schwind und der Lola Montez war. An diese zwölf Jahre mag er später wohl auch nicht mehr gedacht haben, denn sie waren noch nicht so erfüllt von den Dingen seiner großen Liebe und Leidenschaft: von den Büchern. Mit 15 aber trat er in das Antiquariat seines Bruders Ludwig ein — viele Bücherfreunde werden sich noch des freundlichen und weisen alten Herrn entsinnen —, wurde bald dessen Teilhaber, ging dann, um sein Wissen zu vervollkommnen, ins Ausland, hauptsächlich nach Paris, wo der bis zu Jacques Rosenthals Tod verehrte Meister Delisle, der damalige Direktor der Bibliotheque Nationale, sein Lehrer wurde. Gleichzeitig erfolgten die ersten größeren selbständigen Erwerbungen und Verkäufe, die ersten Erfolge. Nach München zurückgekehrt, gründete er das Haus, zu dem Sammler und Gelehrte von überallher kamen und das in nicht allzulanger Zeit Weltruhm erlangte. Denn Jacques Rosenthal war nicht nur Kaufmann oder Buchhändler. Er war Wissenschaftler, Verleger, Kenner, Gelehrter, sein Wort hatte letzte Autorität in allen bibliophilen Fragen. Die Direktoren und Verwalter der Museen und Bibliotheken, die kundigen Sammler, die Lehrenden und die Lernenden kamen zu ihm und holten sich bei ihm Anregung, Rat und Belehrung. Es war ein wunderbarer Genuß, diese Stätte des Buches zu besuchen. Über den hohen, kostbaren Räumen, wo die Schränke und Vitrinen mit den liebevoll gepflegten und gehüteten Schätzen standen, über den großen Tischen, den einladenden Sesseln, den feierlichen alten Bildern, Statuen und Globen lag eine beglückende Atmosphäre der Freude und des Dienstes am Geiste, und ihr teilte sich die vibrierende Spannung dieser immer gleich jungen und quellenden, noblen Leidenschaft des Seniorchefs mit. Herrliche Stunden, wenn die Mappen sich öffneten mit den Einblatt-, Schrot-und Teigdrucken des 15. Jahrhunderts, mit den Pamphleten und Berichten von „Krieg, Pestilenz und gewaltiger Zauberey", von Untieren und Kometen, wenn dann die Landsknechte und die großen Schlachtenhilder, die kostbaren Handzeichnungen und Graphiken der Dürer, Callot, Guardi, Piranesi, Chodowiecki, Kobell, Hogarth, Daumier ans Licht kamen, wenn die feierlichen Manuskripte der Karolinger aus den Schränken geholt wurden oder die erschütternde Menschlichkeit, die hinreißende Eleganz, die Weisheit und Pracht der späten klösterlichen Miniaturen zutage trat und die virtuosen Gewinde der Renaissance mit Nixen, Faunen, Blumen, Putten und Getier um die strahlende Kostbarkeit der Darstellung. Oder man betrachtete die Einbände, das dunkel kunstvoll bearbeitete Leder und die schweren beschlagenen Schnallen der frühen, den zauberhaft verzierten Maroquin der späteren, deren brüchige Zartheit ihnen einen lieblichen und ein wenig traurigen Reiz verlieh, die pastellfarbenen Seiden des Directoire und die zierlich gepreßten Pappen des Empire und Biedermeier, die frommen und die profanen Druckwerke aller Zeiten — ja, ein Jahrtausend des Abendlandes 441