Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1938)
- Article
- Das Hirtenlied
- Date
- 1938-01-01
- Page
- 430 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895577-2907836--10315-2907890- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Julius Bab wachsender Liebe um Rahel wirbt und immer wachsend an Erfolg und Ansehen Labans Herden führt. Der dritte Akt enthüllt mit seinem ersten Teil den Plan Labans, nicht Rahel, sondern zuerst Lea dem Jacob zur Frau zu geben.. Und die zweite Hälfte gibt in einer Szenenfolge, die jetzt fast vollständig vorliegt, die verhängnisvoll« Hochzeitsnacht, in der Jacob den Betrug gewahrt, der an ihm geschehen ist. Der vierte Akt, von dem auch schon starke Ansätze vorliegen, zeigt dann den nach Rache tobenden Jacob vor Laban. Völlig fehlt nur der fünfte Akt. Was uns aus der neuen Wirklichkeit, in die der Künstler sich hinübergeträumt hat, anweht, ist vor allem „Patriarchenluft" (so wollte Gerhart Hauptmann das Gedicht auch ursprünglich nennen). Der poetische Zauber der Frühzeit, der über den Erzväter-Legenden liegt, entzückt den Dichter vor allem, und ihn ruft er mit allen Mitteln zum szenischen Leben. Engel wandern als vertraute Gefährten zwischen den Menschen dieser Hirtenwelt. Man hört sie in der Ferne singen, und sie sprechen in der Nähe, nichts an ihrer Erscheinung ist den Menschen erschreckend oder ungewohnt. Sie weben ein überall fühlbares Band zwischen Himmel und Erde. Und Laban ist hier ein großer Patriarch, ein wahrhaft guter Hirte voller Weisheit, gottähnlich in seiner Erscheinung: Er ist es! Umtanzt von Hirten und umjauchzt von Weibern! — Das jüngste Lamm der Herde weich im Arm, trägt ihn das Tier. Zu seiner Linken schreiten zween Engel, zween zu seiner Rechten, einer über ihm schwebt langsam, hingeruht auf weiße Flügel, ihm sorgsam schattend das ehrwürdige Haupt. Wie Laban kein Lamm seiner Herde verloren gehen lassen kann, so will er auch nicht, daß seine ältere Tochter Lea sich in unglücklicher Liebe zu Jacob tothärmt. Es scheint Hauptmanns Absicht zu sein, daß wir Labans Betrug als eine Handlung geheimnisvoll höherer Weisheit empfinden sollen. Denn seine Gestalt ist so ganz und gar Würde, daß nichts Unwürdiges von ihr ausgehen kann. Gerade hier dämmert nun aus dem Zwielicht des Fragments die allermerkwürdigste Wendung der Dichtung. So ganz und gar hat nämlich Hauptmann seinen Künstler doch nicht in die Gestalt des Jacob hinübergelassen. Hier und da taucht eine Erinnerung an sein früheres Sein wie ein beunruhigender Schatten in ihm auf. In der verhängnisvollen Hochzeitsnacht erscheint ihm der Engel seiner Verwandlung wieder voll ernster Bedeutung. Jacob empfindet das Auftauchen dieser Mahnung an ein vergessenes Dasein als Drohung. Er hebt sein Schwert wider die Gestalt — aber die entschwindet ihm mit dem rätselhaften Wort: „Halt ein! Du tötest Rahel!" Es folgt ein letzter Monolog Jacobs voll rasender 430