Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1938)
- Article
- Das Hirtenlied
- Date
- 1938-01-01
- Page
- 431 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895577-2907836--10316-2907891- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Das Hirtenlied Sehnsucht, dann das Auftauchen der verschleierten Gestalt — die nicht Rahel, sondern Lea ist. Aber wenn nun Jacob außer sich gerät und über Leas herzzerreißenden Jammer fühllos hinwegtobt, dann erscheint wieder der Engel, und diesmal mit mächtiger Mahnung: „Geh' in dich, Jacob! Sieh', hier liegt ein Mensch im Staub, den du zertrittst. Es ist genug mit Schmähen und Lästern!" Man hat Gerhart Hauptmann den „Dichter des Mitleids" genannt. Er ist es durchaus nicht im Sinne einer haltlosen Sentimentalität; aber er hat allerdings in einer genialen Stärke die Fähigkeit, sich mitleidend in alle lebendige Kreatur zu versetzen, und so hat er wohl als erster in dieser uralten biblischen Begebenheit zwischen Rahel, Jacob und Laban Lea als die vergeblich Liebende und Geschmähte, als einen fühlenden und von uns zu erfühlenden Menschen, als eine wesentliche Gestalt mit eigenem Schicksal entdeckt. Rahel steht am Seelenhorizont als die unendliche Lockung. Sie ist die Schönheit schlechthin, nach der alles verlangt. Schon im ersten Akt hat der große Engel es ausgesprochen: „Um Rahel dient ihr alle, ja, so ist's! Um Raheis Schatten. Dieser Zeiten Sturm und Krieg ist Krieg und Sturm um ihretwillen." Aber eben deshalb vielleicht darf der Sehnende sie nicht erreichen, sie nicht besitzen. Vielleicht ist gerade das die heimlichste Weisheit, nach der Laban handelt. Wir können hier nicht mehr als vermuten, können nur ein ungefähres Gefühl von der inneren Richtung des Hauptmannschen Gedichts gewinnen. Wir wissen auch nicht, ob und wie im fünften Akt aus der Jacobsgestalt der Künstler wieder erwachen sollte — zum Leben? zum Tode? — Aber doch scheint dieses „Hirtenlied" ein sehr köstlicher Besitz, der aus der Geschichte der nachbiblischen Tradition nicht verloren gehen kann und soll. Hier hat sich eine besondere Kraft der altjüdischen Überlieferung, die dichterische Schönheit der Urväter-Geschichten, als eine unerschöpfte Quelle erwiesen, die gerade in unserer Zeit wieder berufen ist, unsere Seelen zu erfrischen: „Ich lasse dich aus einer Quelle schöpfen, Die manch Jahrtausend jene Stätte heiligt. Gar viele Wandrer Himmels und der Erden Hat sie erlabt. Erlabe sie nun dich." Das Dezemberheft enthielt u. a.: Wettlauf der Hilfe / Hilde Oiienheimer, Typen jüdischer Kulturgeschichte : Aschkenasim und Sefardim | Leo Baeck, Nachruf an Felix Warburg \ M. Y. ben Gavriel, Die Ideen des Crassus / Aussprache zum Thema: Ende der Bünde j Hans Bach, Franz Kafkas Leben Im Februarheft schreiben u. a.: Max Birnbaum, Binnenwanderung! Berii SchiraizkL Purim im Comiai Werner Cahnmann, Theodor Herzl I Erich Rosenthal, Frauenideale 431