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Der Morgen · 1938-01-01 · Heft 10 (Januar 1938) · p. 424

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 10 (Januar 1938)
Article
Begegnungen
Date
1938-01-01
Page
424 (sequence 7)
Language
German
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Gina Gärtier und Erika, die sagten: „Wie kann man einem Herrn so nachlaufen, wie die es tun, die haben ja keine Ehre im Leibe!" (Und wie wir später Herzklopfen bekamen, wenn der Darsteller des Karl Moor in der Ferne auftauchte ...) Wir also benahmen uns sehr ehrbar und lernten nur kräftig für ihn, um unsere Zuneigung zu beweisen, und sprachen oft darüber, was er heute gesagt habe und wie er es gesagt habe. In den Ferien hielten wir uns gegenseitig auf dem Laufenden, nämlich diejenige, die nicht verreiste, die andern, wie es Herrn Fürst gehe und was er treibe. In den großen Sommerferien ergatterte Erika sogar ein Foto von ihm, und was noch mehr war, die Adresse des Fotografen, der uns auf Wunsch einen Abzug lieferte. Herr Fürst saß mit baumelnden Beinen, sichtlich braungebrannt, auf einem Holzstoß, dahinter stand eine alte Bauersfrau und daneben ein ganz uninteressanter Erdkundelehrer. Im Hof liefen Hühner umeinander und die Sonne strahlte. „Das ist in Karlsforst", erklärte Erika, „dort war er in Ferien". Er war so strahlend und sicher und brauchte mich gar nicht, wie er da auf dem Holzstoß saß, — sollte ich ihm etwa nicht Gehorsam und Treue fürs Leben geloben? Als ich in den Weihnachtsferien bei meinen Verwandten war, erhielt ich einen Kränzchenrundbrief von Erika, die wieder hatte zu Hause bleiben müssen. Er ging ungefähr so: Gruß zuvor! Traute Kränzchenschwester Blaustrumpf, ich hoffe dich bei bestem Wohlbefinden, dero Erlaucht Gesundheit möge wachsen, blühen und gedeihen. Wie verhalten sich die Verwandten, sind sie zahm oder mucksen sie, wenn du frech wirst?, und weiter in dieser Tonart, die wir bezaubernd lustig und überlegen fanden. Am Schlüsse freilich kam ein Nachsatz: A propos Herr Fürst: er ist leider krank seit einigen Tagen, wir dürfen auch nicht zu ihm. Wir schicken ihm Blumen, Gretel und ich. „Ich muß nach Hause", sagte ich zu meinen Verwandten und setzte es auch durch, daß ich fahren durfte. Am Nachmittag ging ich gleich zu Erika. „Wie steht es", fragte ich ernst. „Schlecht", sagte sie, „er hat vierzig Fieber, Gehirnhautentzündung, sagt seine Wirtin. Meine Mutter hat angefragt." Wir gingen gleich in die Straße, wo er wohnte. Die Schule lag unheimlich öde und still da, die großen Tore waren geschlossen. Das Haus war einige hundert Meter weiter. Wir schauten zum ersten Stockwerk hinauf. Zwei Fenster waren verhängt. Da lag er also. Eine große Furcht überkam mich, eine grauenhafte Ahnung. Ich sagte mir, daß Herrn Fürst ja nichts geschehen könne, daß er unverletzlich sei, und dann betete ich ganz schnell zu den Fenstern hinauf, daß Herr Fürst doch bald wieder gesund werden solle, damit er zum Schulanfang wieder da sei. Herr Fürst wurde aber nicht wieder gesund. Sein Begräbnis fiel noch in die Ferien, und so konnte den Schülerinnen nichts ge- 424

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