Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1938)
- Article
- Begegnungen
- Date
- 1938-01-01
- Page
- 425 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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- IRI
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Begegnungen sagt werden, aber die ganze Schule war auf dem Friedhof. Es war ein protestantisches, ganz schlichtes Begräbnis. Wir umstanden das dunkle Loch in der Erde und sahen zu, wie der Sarg in die Grube gesenkt wurde. Dann hörten wir die ersten Schaufeln voll Erde unten aufschlagen. Ein allgemeines Schluchzen ging wie ein Wehen über die geneigten Köpfe hin. Ich sah, wie einem der Lehrer der steife Hut ins Genick rutschte, und mußte lachen. Ich kämpfte mit meinen Muskeln einen ergebnislosen Kampf, ich mußte eine lachende Grimasse ziehen und verbarg mein Gesicht hinter dem Taschentuch. In mir litt etwas und sagte ganz deutlich: „Aber wie kannst du jetzt lachenI" Auf dem Nachhauseweg waren wir alle still und gingen gebeugt wie alte Leute. Auf einmal sagte Erika: „Du, Ruth, so etwas hätte ich nicht von dir gedacht." „Was denn, was hättest du nicht von mir gedacht?" fragte ich zurück, aber ich wußte schrecklich genau, was kommen würde. „Du hast ja gelacht, als Herr Fürst begraben wurde, ich habe es ganz deutlich gesehen", warf sie mir vor. „Ich, gelacht? Was fällt dir denn ein? Ich habe genau so geweint wie alle andern, aber daß du so etwas von mir sagst, das ist eine Gemeinheit. Du willst meine Freundin sein!", wehrte ich mich. Es schien mir, daß ich um mehr als mein Leben kämpfe. „Aber wenn ich es doch gesehen habe", beharrte Erika. Die andern betrachteten mich mißtrauisch und murmelten durcheinander. Ach wie ausgestoßen, wie vereinsamt war ich mit meinem schrecklichen Geheimnis, das nun keins mehr war. „Wenn ihr so etwas von mir glauben könnt, gehe ich einfach nicht mehr mit euch", schrie ich empört, und dann lief ich davon. Es stellte sich am nächsten Tag heraus, daß mein schneller Abgang mir das Vertrauen wiedergewonnen hatte, aber was scherte mich das! Wie war denn das möglich, sagte ich immer wieder zu mir, als ich zu Hause mich schluchzend auf mein Bett warf, damals, als Hermine starb, die mir doch nichts bedeutet hat, da habe ich trauern können, und jetzt, wo Herr Fürst tot ist, dem ich mein ganzes Leben weihen wollte, da muß ich am Grabe lachen! O Gott, was bin ich für ein Wesen, wer begreift das, warum ist denn alles tot in mir und nichts rührt sich. Ich lag lange so, und dann stand ich auf und holte mir ein Buch. Ich las das Gedicht, in dem einer auf den Kirchhof geht und da sein Liebchen findet, zum erstenmal empfand ich, was ein Gedicht bedeutet. Langsam rückte Heine an die Stelle, die meine erste Liebe in meinem Herzen freigemacht hatte, und vier Jahre lebte ich nur mit ihm und den Büchern. Erst in einer Turnstunde, als wir alle in den Hof hinausgingen, um Faustball zu spielen, und Gretel plötzlich zu mir sagte: „Ruth, du hast aber wirklich hübsche Beine bekommen", erst da bekam ich wieder Mut, unter Menschen zu leben. 425