Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1938)
- Article
- Begegnungen
- Date
- 1938-01-01
- Page
- 423 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Begegnungen (GutGedichte aufsagen ist auch ein Weg, wenngleich ein langsamer, das habe ich viel später gemerkt, als mir die Schönheit der Blumen lange kein Problem mehr war.) Mir war ganz klar, daß ich Herrn Fürst nur näherkommen konnte, wenn ich verstand, warum er die Vasen aufstellte und warum er an den Sonntagen ganz tief ins Hinterland hineinstreifte, um den oder jenen seltenen Farn zu entdecken und uns zu zeigen. Ich verstand es aber nicht. Auch dann nicht, als ich mich an einem Nachmittag mit einer Mitschülerin verabredet hatte, deren Vater Bahnhofvorsteher an einem der Nebenbahnhöfe war, und zu ihr ans Ende der Stadt pilgerte, durch die Scharen der Arbeiter durch, die zu den Zügen wollten. Wir kletterten auf das flache Dach des Stationsgebäudes, was an sich leicht ging, aber mich sehr lose in den Knien werden ließ, und dort erbeuteten wir einen Busch kleiner Pflänzchen, die an einem dünnen Stengel sehr fleischige grüne Blätter aufeinandergeschichtet trugen und eine gelbe Blüte als Krone. Im nahen Steinbruch pflückten wir noch ein ähnliches, viel größeres Gewächs, das meine Mitschülerin für sich in Anspruch nahm. Mir überließ sie großmütig das Dachgewächs, obwohl es eigentlich auf ihrem Hause gewachsen sei. Es war sehr aufregend, aber den Sinn sah ich nicht recht ein. Am andern Morgen brachten wir stolz unsere Funde an. „Fetthenne", rief Herr Fürst meine Mitschülerin auf, „wo hast du die her?"' und lächelte strahlend. „Aus dem Steinbruch, Herr Fürst", gab sie stolz zurück. „Ein wackeres Mädchen", lobte er, „aber nicht wieder tun, es ist zu gefährlich. Mauerpfeffer, sedum acre", wandte er sich an mich. Warum fragte er mich nicht, wo ich ihn herhabe? Ich hatte mich so auf die Antwort gefreut. Er riß ein Blättchen ab und hielt es mir hin: „Da, versuch mal, warum es so heißt." Ich wich unwillkürlich ein bißchen zurück. „Oho, oho, du Prinzessin", lachte er, „es wird deiner schlanken Linie nichts schaden, wenn du ein Stück davon abbeißt". Die Klasse lachte. Ich setzte mich beleidigt. Aber er ließ noch nicht locker. „Laßt doch mal sehen, wer hier am wohlgenährtesten ist", sagte er und ließ seine Augen bezeichnend hier und. dort ruhen, natürlich auch auf mir. Es war gemein. Aber trotzdem liebte ich Herrn Fürst Wir wußten, daß die Mädchen der oberen Klassen für Herrn Fürst „schwärmten". Sie brachten ihm Blumen in die Stunde, die sie ihm heimlich aufs Pult legten, bevor er hereinkam. Sie gingen am Nachmittag sehnsüchtig in der Straße auf und ab, wo unsere Schule stand und in der er möbliert wohnte, ob sie ihm nicht einmal begegnen würden. Ja, die Kecksten drängten sich mittags um eins beim Klingeln ans Konferenzzimmer und sahen zu, ob sie ihm nicht etwas nach Hause tragen durften, die Mappe oder Hefte zum Korrigieren. Wir fanden sie schamlos, eigentlich ich nicht, sondernGretel 423