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Der Morgen · 1938-01-01 · Heft 10 (Januar 1938) · p. 422

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 10 (Januar 1938)
Article
Begegnungen
Date
1938-01-01
Page
422 (sequence 5)
Language
German
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Gina Gärtier fließenden Wasser mit fortgetragen werden sollten. Oder jener Brauch, dem ich mich stets nur gezwungen unterwarf, daß ein krähendes Huhn über den Köpfen von uns Kindern geschwungen wurde, auch zum Zweck der Reinigung von Sünden (ich wußte nicht, was das für Sünden sein sollten) war ihnen, darauf wollte ich wetten, nie zu Ohren oder Gesicht gekommen. Ob sie damit später einmal bestehen würden, das mochte dahingestellt bleiben; heute aber, soviel sah ich, ging es ihnen jedenfalls über die Maßen gut. Sie durften an den schulfreien Samstagnachmittagen schwimmen gehen zum Badeweiher oder eislaufen auf dem Eisenhammer (das war ein See, der nach einer alten Fabrik so benannt war), während ich es nicht sollte. Später brach ich freilich diese Verbote, aber damals fürchtete ich mich noch zu stark. Wir hatten einen neuen Naturkundelehrer bekommen, Herrn Fürst. Als er zum erstenmal in die Klasse kam, stellten wir erstaunt fest, wie jung er war und wie herzlich er lachte. Er hatte eine stark vorspringende Nase, trug eine Brille und hatte dunkles, straffes, seitlich gescheiteltes Haar. Mit seiner rechten Hand machte er ausholende, zutrauliche Gesten und stand mit ein wenig gespreizten Beinen auf dem Podest, in Kniehosen und Wickelgamaschen und mit offenem Hemdkragen. Wir liebten ihn bald, und das will viel heißen, denn er hatte eine sehr unangenehme Art, einen mit Ironie an seine äußeren und inneren Fehler zu erinnern, die keiner mit viel Freude oder Geduld über sich ergehen läßt, selbst wenn er erwachsen ist. In unserer Schule, die sehr weiträumig gebaut war, gab es eine breite Treppe, die durch alle Stockwerke führte, mit großen Fenstern und terrassenförmig sich fortsetzenden Fenstervorsprüngen. Diese geräumigen Simse wurden zu Ausstellungen aller Art benutzt etwa wurden Schaukästen mit Steinen da aufgebaut für den Geologieunterricht der oberen Klassen, oder eine Zeichenlehrerin führte die Meisterwerke aus sämtlichen Klassen vor. Nun besetzte Herr Fürst die besonders beliebte Region vom Erdgeschoß zum ersten Stockwerk mit vielen Vasen und Töpfen, in denen allerlei Blumen, Zweige und Pilze, manchmal auch Farne prangten, versehen mit sauber geschriebenen Schildchen, auf denen deutsch und lateinisch der Name vermerkt war. (Die Streber lernten auch den lateinischen auswendig.) Vor diesen Pflanzen standen wir in den Pausen oft, und die Mädchen sagten: „Sieh nur, wie schön der Seidelbast ist, die roten Blütchen, ach und er riecht!" Dann stand ich daneben und sagte pflichteifrig: „Ja, sehr schön" und roch auch einmal, und doch empfand ich nichts, nichts, nichts und heuchelte nur und schämte mich darüber. Warum können die andern Blumen schön finden und Zeichnungen und Musik und warum kann Erika gut Klavier spielen und ich kann nichts, als gut Gedichte aufsagen? 422

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