Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1938)
- Article
- Begegnungen
- Date
- 1938-01-01
- Page
- 421 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895577-2907833--10302-2907881- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Begegnungen trug nun wohl keine Brille mehr. Nicht viel weiß ich mehr von dem, was der katholische Priester sagte und was unsere Lehrer ihr nachriefen. Ich weiß nur, daß ein Chor in ganz tiefen und feierlichen Weisen eine Hymne sang und daß ich dabei aufschluchzen mußte und endlich, endlich mit den andern weinen durfte. Ich bereute sehr bitter meine Gedanken an dem Wegpunkt damals, die ich nicht vergessen hatte, und nahm freiwillig einen Teil der Schuld an Hermines Tod auf mich. War ich ihr nicht böse ^gesinnt gewesen, und half das etwa nicht, gute oder böse Wünsche, die man für das Geschick eines Menschen trägt? Nie wieder wollte ich gegen einen andern ein Gefühl des Hasses haben, das gelobte ich mir. Ob Gott damit zufrieden war, wenn ich ihm dies Versprechen gab? Auf dem Heimweg, den wir ernst und gewichtig in der strahlenden Sonne mit dunklen Kleidern und Gesichtern taten, war ich bei aller Traurigkeit doch sehr beglückt. Ich fühlte mich zu den andern gehörig, wir bildeten, so schien es mir, eine Art Verschwörung, und ich war ein Eingeweihter und sprach mit und tat finster und wissend. Was es wohl war, wogegen wir uns verwegen zusammentaten, der Tod vielleicht, der eben eine aus unserer Mitte geholt hatte, und von dem wir uns nun schlimme Kindermädchen- Geschichten erzählten, wohl um ihn zu bestechen? Nicht lange jedenfalls dauerte diese künstliche Gemeinsamkeit, bald war ich wieder ich, Ruth, gesondert durch vieles Äußere und vieles Innere von meinen Freundinnen im „Kränzchen Immertreu". Ich durfte z. B. am Samstag nicht schreiben oder zeichnen, und so schön es war, mit gefalteten Händen wie eine Prinzessin dazusitzen, während die andern schwitzten, so schlimm war es, die mitleidige und verständnisbekundende Stimme der Zeichenlehrerin zu hören, die sagte: „Das wirst du dann eben zu Hause nachholen müssen, Ruth, nicht wahr?" Die andern, die mit mir in der Religionsstunde waren, sahen mich darauf recht von oben herab an, sie machten sich nichts daraus, und ihr Vater sagte ihnen nicht, daß es eine Sünde sei. Dabei ging es ihnen gut, viel besser als mir, sie waren hübsch und konnten tanzen und turnen und mit den Jungens auf gemeinsamen Vereinsausflügen spielen und sich necken, während ich unbeholfen und dick danebenstand und mißglückte Versuche machte, das Weltläufige ihrer Art mir anzueignen. Ich wußte Dinge, die ich mich genierte ihnen zu erzählen, etwa daß man an einem bestimmten Tag im Jahr an unser Flüßchen gehen mußte, wo wenig Leute vorbeikamen, hinter der Brücke, und daß man da seine Taschen umkehren mußte, in die man vorher Krümel getan hatte, und daß man dazu das Gebetbuch aufschlug (wie schrecklich, es vor allen Leuten über die Straße zu tragen, damit die gleich wußten, daß man fromm sein wollte) und irgendeine Stelle zwei- oder dreimal sagte. Das bedeutete dann, daß die Sünden wie die Brotkrumen vom 421