Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1938)
- Article
- Begegnungen
- Date
- 1938-01-01
- Page
- 420 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Gina Gärtier eine Erinnerung an Hermine wachrief. Vor sechs Jahren, an meinem ersten Schultag, als ich aufgeregt und vergnügt eben an diesen Punkt gelangt war, wo die kurze Gasse abbog, die mich heimführte, war ein kleines Mädchen auf mich zugelaufen, ein wenig stattlicher als ich, alper dünner. Sie hatte zwei dünne abstehende Zöpfchen und eine kleine spitze Nase. Als sie bei mir angelangt war, die neugierig stehenblieb (denn ich hatte dies Kind in meiner Klasse bemerkt), schlug sie mir mit der flachen Hand ins Gesicht und rief irgendein häßliches Wort. Erst stand ich ganz verblüfft da und ließ sie noch einmal schlagen, weil ich gar nicht schnell genug denken konnte, aber dann griff ich auch mit beiden Händen zu und riß einige Male kräftig an ihren Zöpfen (diese Technik hatte ich bereits mit Erfolg bei meinen Kusinen angewandt). Sie ließ denn auch ab, zeigte mir die Zunge, schrie: „Wart nur, du Judd, ich sags derheim", und rannte um die Ecke. Ich ging brütend nach Hause, überrascht und traurig, daß ein fremder Mensch die Hand gegen mich erhoben hatte. Jetzt fiel es mir wieder ein. Dabei kam mir der Gedanke, daß es möglicherweise eine Strafe für Hermine sei, weil sie sich so benommen habe gegen mich, aber es war mir selber peinlich, daß mir so etwas einfallen konnte, und ich trabte heim. In der ersten Stunde nach den Ferien kam Elisabeth in unsere Klasse. Sie hatte rote Augen vom Weinen und sagte: „Liebe Kinder, ich muß euch etwas sehr Trauriges erzählen. Eure Kameradin Hermine ist gestern an einer Lungenentzündung gestorben." Keiner wagte sich zu rühren, es wurde uns allen kalt ums Herz. Dann begannen einige zu weinen. Ich konnte nicht weinen, ach, warum konnte ich nie weinen, wenn ich sollte? „Wir wollen ihr alle die letzte Ehre erweisen und zu ihrer Beerdigung gehen." Am Nachmittag um drei trafen wir uns am Eingang zum Friedhof. Der Friedhof lag ganz am Ende der Stadt seitlings einer breiten Chaussee, die ins Vorderland führte. Die Straßenbahngeleise hörten da auf, das hatte etwas Endgültiges und Bedrückendes jedesmal. Am Kirchhof vorüber führte ein beliebter Spazierweg in ein Bachtal, denn gleich begann ein tiefer Forst, von dem der Waldfriedhof noch ein Bestandteil war, der Waldfriedhof, in dem viele Kriegergräber und ganz an der östlichen Mauer die jüdischen Gräber lagen. Wir wußten das jedesmal mit einem unbehaglichen Gefühl, wenn wir sonntags mit unseren Eltern da vorbeigingen. Jetzt aber standen wir in der Halle, und ringsum waren weiße hohe Kerzen angezündet und brannten in dem Halbdämmer des Steinschattens golden und feierlich. Palmenkübel waren neben den hohen Sockel gestellt, auf dem nun die Träger den Sarg absetzten. Der Sarg war aus weißem Holz mit silberglänzenden Metallbeschlägen, und der Deckel war über Hermine geschlossen. Wir hatten sie nicht mehr sehen dürfen. Sie soll aber schön gewesen sein und 420