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Der Morgen · 1938-01-01 · Heft 10 (Januar 1938) · p. 419

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 10 (Januar 1938)
Article
Begegnungen
Date
1938-01-01
Page
419 (sequence 2)
Language
German
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Gina Gärtier: Begegnungen und im Umdrehen noch, mein kleines Frühlingslied, das drei Strophen hatte und mit vielen Lalalalera als Refrain paradierte. Alma, eine Verkäuferin in unserem Laden, hatte es mir hinter der Theke aufgeschrieben, wenn gerade einmal keine Leute da waren, und mir es sehr geduldig oft und schrill vorgesungen, bis ich es konnte. Es ging ungefähr so: Zur Frühlingszeit durch Wald und Flur, Wenn alles grünt in der Natur, des Kuckucks Ruf schallt durch den Wald, das Lied der Nachtigall erschallt usw. Man kann es sich denken. Es war kein Erfolg, das sah ich an Gretels Gesicht. Die Lehrerin war eine Spur verlegen, sie wußte nicht recht, was sagen, dann kam ein schüchternes: „Sehr nett, Kind, sehr nett../' O du blöde Gans, sagte ich zu mir selber, warum mußt du dich so blamieren! Es war mir sehr dumpf und unbehaglich zumute, während ich durch den schwachen Beifall auf meinen Platz in der Klasse zurückkehrte. Plötzlich wurde die allgemeine Aufmerksamkeit durch etwas Neues abgelenkt. In der zweiten Bank begann Hermine zu husten; in einem qualvollen keuchenden Röcheln, endlos und endlos, warf sie sich auf die Bankplatte vor ihr und breitete ein wenig die Arme aus, um sich zu helfen. Elisabeth sprang gleich erschreckt auf mit einer Frage, aber dazwischen rief die Banknachbarin Hermines: „Sie hat ja Blut auf dem Taschentuch!" Wir erschraken alle und sahen uns mit bleichen Gesichtern an. Später sagte Erika, daß sie beinahe ebenso erschrocken sei wie damals, als die jungen Präparandinnen in unserer Klasse geprüft wurden und eine lallend ganz steif vornüber in Ohnmacht fiel. Nein, das war es nicht, fanden die andern, es war schlimmer. Denn hatten sie nicht von dem italienischen Geigerknaben gelesen, der Blut spuckte und die Schwindsucht bekam in dem rauhen Norden. Hermine mußte gleich nach Hause, ein großes Mädchen aus einer höheren Klasse brachte sie. Uns war die Feier verstört, die Lehrerin tröstete uns mit einigen Worten, dann begann die atemraubende Zeugnisverteilung, und Hermines Andenken verschwand hinter den Rufen: „Och, ich hab nur genügend in Naturkunde! So'ne Gemeinheit! Was hast denn du für eins?" Und dann wurde verglichen und zusammengezählt, und wer hat die niedrigste Endsumme, und du hast in Betragen nur lobenswert, au was wirst du kriegen, zuhause. Ich war Siegerin nach Punkten, aber es freute mich nicht recht. Ich ging mit dem aufgeschnallten Ranzen „untenherum" nach unserem Hause, das am Kreuzungspunkt von fünf Straßen stand. „Untenherum", das bedeutete, den letzten Teil des Wegs allein gehen; das wollte ich auch. Da war ein Punkt auf diesem Weg, den ich sonst gern vermied, aber den ich heute suchte, ein Punkt, der 419

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