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Der Morgen · 1938-01-01 · Heft 10 (Januar 1938) · p. 418

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 10 (Januar 1938)
Article
Begegnungen
Date
1938-01-01
Page
418 (sequence 1)
Language
German
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Gina Gärtier: Begegnungen Es fing an in der letzten Stunde vor den Osterferien. Die Lehrerin hatte am Tag zuvor zu uns Mädchen gesagt, es beginne doch nun der Frühling. „Lasset ihn uns feiern", fügte sie hinzu, „jedes auf seine Weise. Wenn ihr ein schönes Lied wißt oder sonst etwas Hübsches, bringt es mit zur letzten Stunde." Und nun saßen wir da und betrachteten mit Bewunderung und einem kleinen bißchen Neid Erika und Gretel, die auf dem Podium neben dem Katheder einen Bauerntanz mit zierlichen Schritten und dazu einen Zwiegesang schelmischen Inhalts zum besten gaben. Sie hatten sich Kostüme mitgebracht, und besonders Erika sah schön aus mit ihren kurzen schwarzen Haaren über dem roten Samtwestchen und den schwarzen Pumphosen. Ich war sehr zornig, denn Erika war meine Freundin und bestätigte mir das auch oft, ich, Ruth, sei ihre beste Freundin. Manchmal aber nahm sie in der Pause Gretel am Arm, Gretel, die immer elegant geschnittene Kleider anhatte und gar am Sonntag mit einem Hut ging, und dann tuschelten sie sich manches in die Ohren, kam ich aber herzu, so hieß es, ich verstehe so was eben noch nicht und solle mich dabei bescheiden. Das mußte ich wohl oder übel. Daß sie aber da oben tanzten, war ein starkes Stück und ein Verrat, den Erika an mir beging. Nichts, gar nichts hatte sie mir erzählt, es war schwarze Treulosigkeit und ein Abfall ohnegleichen. Alle klatschten, aber ich nicht, sondern ich meldete mich noch mitten in den Beifall hinein und sagte, daß ich auch etwas sehr Schönes gelernt hätte. Die Lehrerin freute sich, denn ich war ihre Beste und ein wenig Liebling demnach. Sie hieß, wie wir in Erfahrung gebracht hatten, Elisabeth. Wie erstklassig das zu ihr paßte, Elisabeth! Denn sie hätte eine blonde Haarkrone und war lang und dünn und lächelte immer mütterlich. „Also, Ruth, komm vor", forderte sie mich auf. Ich ging. Da hatte ich es nun. Bereits in dem schmalen Gang zwischen den Bankreihen fühlte ich, wie mir eine Schwere in alle Glieder kroch. Wie unbedacht ich gewesen war, wurde mir in einem schrecklichen Zustand der Nüchternheit bewußt, es war ja einfach unmöglich, daß es irgendeinem gefallen könne, wenn ich da oben sänge. Berechtigte mich etwa die Tatsache, daß ich die englischen und französischen Vokabeln am besten lernte und sehr gelobte Aufsätze über den „Schwabenstreich" und anderes schrieb (im „Schwabenstreich" hatte ich eine rote Schlangenlinie unter das Wort prompt bekommen, und nur I —, weil Elisabeth sagte, Fremdworte schickten sich nicht), berechtigte das mich etwa dazu, meine dünne Stimme vor der Klasse ertönen zu lassen? Aber trotzig begann ich, noch mit dem letzten Fuß halb auf dem Tritt 418

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