Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1938)
- Article
- Das letzte Kapitel
- Date
- 1938-01-01
- Page
- 415 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895577-2907831--10293-2907875- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das letzte Kapitel Leben der Pappelgesamtheit nicht fördert. Und schließlich leben auch Bäume nicht ewig. Wir auch nicht, und auch Glanz und Größe unsrer Gruppen können nur aufblühen und welken und versinken. Aber damit sind wir schon wieder im Vergleichen, während doch jeder Vergleich hinkt und keiner, wie meist angenommen wird, ein Beweis ist. 2. Die Gruppe der Juden aus Deutschland, das jüdische Leben in Amerika und seine Geschichte, die Vorzüge, die Eigenschaften jener und dieser Gruppe — Vorsicht, das sind Verallgemeinerungen! Zunächst kann man die Schiff, Warburg etc. nicht mit den 500 000 amerikanischen Juden aus Deutschland identifizieren, und wenn diese Einzelnen, durch Reichtum, Wohltätigkeit, Prestige, Auftreten und Wirken in einer bestimmten Richtung einander entsprechend und verbunden, eine „Gruppe" waren, so war doch ihre „Hegemonie" im „jüdischen Leben" nur in ihrer eigenen Sphäre hegemon, während sich daneben hundertfältig jüdisches Leben ohne sie bildete, religiös in zahllosen frommen Congregations, gesellschaftlich in den vielen polnisch-russischen Landsmannschaften, sozial in bedeutenden Genossenschaften, Gewerkschaften, dann in der auflagenreichen jiddischen Presse, in der Literatur, in den hunderten Schulen der Arbeiterorganisationen, in den Theatern, Vereinen usw. Es ist richtig, daß es einen „Kampf" um die Auffassung, wie man jüdische Interessen vertreten soll, nicht nur im Falle des Commissioners Bingham gegeben hat; aber auf zahllosen andern Flächen des Lebens und auch des jüdischen Lebens in Amerika und anderswo gibt es zwischen den Millionen Einzelnen und ihren Gruppen und Grüppchen, von denen jedes Individuum doch immer mindestens einem Dutzend zuzurechnen ist, gar keinen Berührungspunkt, also auch keinen Kampf und keine hegemonischen Aussichten. 3. Und dann hatte die Gruppe der Jahudim ausgespielt, und ihre Mitglieder lebten und wirkten weiter, als Einzelne, in einer veränderten Welt? Ja, gewiß war es so, und so geht es sogar allen Menschen, nicht nur wenn die Mitwelt ihre Gesichter oder ihr Gesicht so spontan ändert wie zwischen 1880 und 1Q14 auf der East Side von New York, sondern überhaupt wenn man zu Jahren kommt. Sicherlich kann kein „denkender Mensch" dem Hang widerstehen, das Chaos des allgemeinen Lebens zu frisieren, aber nur wer sich nicht bewußt ist, daß er die Wirklichkeit vergewaltigt, bloß um sie bequemer in unser bißchen Gehirn zu quetschen, kann angesichts der amerikanischen Vielfältigkeit von „jüdischem Leben", kann in diesem Schmelztiegel vom Auf- und Untergang und den bestimmten Tendenzen einer auch wieder nur angenommenen Gruppe orakeln. Lassen wir also das Orakeln, denn auch das Argumentieren gegen das Orakeln ist Orakeln, behalten wir die Tatsachen und 415