Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1938)
- Article
- Das letzte Kapitel
- Date
- 1938-01-01
- Page
- 414 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Hirsch sie waren maßgebend bei der Regierung des Antiochus, sie waren die Träger der Kultur im zeitgenössischen Sinne, sie waren die Reformer des Tempels, sie wollten das Volk zu Menschen erziehen, deren man sich vor Griechenland nicht zu schämen brauchte, und ihm helfen, sich zu hellenisieren. Aber Gott wollte nicht mitmachen (oder das religiöse oder das nationale Element war mächtiger), und so war unsre beste Chance, in der allgemeinen Welt aufzugehen, verpaßt. Nun kann man (und wir haben ja phantasievolle Geschichtsdeuter genug, die dergleichen lieben) ein Prinzip der Jahudim und ihres Unterliegens als Bestandteil unserer Geschichte annehmen und bis zur Fifth Avenue von New York verfolgen und fragen, warum sie unterliegen müssen, und antworten: weil die andern jüdischer sind. Aber sind die andern nicht immer erst jüdischer, weil sie siegen? Nun einmal nicht national, nicht orthodox, nicht makkabäisch, sondern menschlich, menschheitlich, ethisch gedacht: so ist es doch die Masse, die siegt, nicht nur das Volk, sondern damit auch das Vulgäre, nicht nur die Tradition, sondern auch mit ihr alles eben nur Überkommene, Irrationale, Unüberprüfbare, Dumpfe und darum Fanatische, Laute, Unzivilisierte. Kurzum, die Geschichte der Juden ist eine Völkerwanderung, deren einzelne Vorgänge die jeder Völkerwanderung sind, indem die Zivilisation der schon seßhaften Minorität von der Dynamik der erst immigrierenden Majorität überschwemmt und weggeschwemmt wird. In dieser Art läßt sich, wie man sieht, sehr hübsch Geschichte dichten, und wir härten nur noch das große Pappelsterben wieder aufzugreifen, um zu einem effektvollen Schluß zu kommen. Wir brauchten also nur, wie beliebt, zu konstatieren, daß ein Stecklingsschicksal eine unsichere Sache ist und noch dazu, wenn es mit dem Mutterstamm zu Ende geht. So leicht aber wollen wir es uns nicht machen, sondern im Gegenteil: Gerade weil das Kartenhäuschen so verlockt zu Träumen, Gefühlsüberschwängen und Traurigkeiten, stellen wir uns ganz fest in die Wirklichkeit, pusten es vollends um und beschließen: Skeptischer zu werden gegen alle Geschichtsdeutungen, Vergleiche, Metaphern, Worte und Verallgemeinerungen von Tatsachen. Denn, um bei unserm Exempel zu bleiben: 1. Die naturwissenschaftlichen Fachleute sind sich über die Gründe des Pappelsterbens nicht einig; auch das Klima, die Regulierung der Wasserläufe, also die Entwässerung des Nährbodens spielt wohl eine Rolle dabei, jene Mutterpappel, die übrigens männlich, also ein Pappelvater ist — aber die Verwendung von Worten wie Vater und Mutter ist schon ein verführerischer Anthropomorphismus, und „ist" ist übertrieben, denn jene Mutterpappel bzw. Pappelvater ist, wie einige erklären, legendär. Tatsache aber ist, daß die meisten Stecklingspappeln männlich sind, was auch das 414