Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1938)
- Article
- Das letzte Kapitel
- Date
- 1938-01-01
- Page
- 412 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Hirsch schaffen haben. Beider Lebensraum war von jeher weit genug, um die Auseinandersetzung nie zu krassem Ausdruck kommen zu lassen. Ihr erstes Stadium ist durch den Spitznamen gekennzeichnet, den die Juden aus Deutschland bekamen. Man nennt sie auf der East Side „Jahudim". Das sollte heißen: Ein „Jahudi"*) ist so fein, daß er sich schämt, wenn ein Jude — ein Jude ist; der Jahudi hat keine innere Beziehung zu allem, was hüben und drüben die „jüdische Gasse" heißt: „Wir alle, fromm oder frei, gelehrt oder einfach, wir sind Juden, wir sind Kol Jißroel, und sie, die andern, sind Jahudim, Juden, die anders als die Gesamtheit, als das Volk sind." Wohlgemerkt, „Jahudi" ist ein Spitzname, kein Schimpf- oder Haßwort, aber es bekam doch seine Bedeutung im Streit um die Führung der jüdischen Angelegenheiten. Die East Side meinte einfach: wenn die Jahudim keine Volksmenschen sind, sollen sie dem Volk auch keine Vorschriften machen. Der sichtbare Anlaß, diese Stimmungs-Opposition zutage treten zu lassen, ergab sich vor dreißig Jahren. Ein Policy Commissioner von New York hatte in einem Zeitungsartikel behauptet, die Mehrzahl der New Yorker Taschendiebe wäre jüdisch. Gegen diese nach den Statistiken der Gerichte und Gefängnisse falsche Behauptung protestierte eine jüdische Massenversammlung in Clinton Hall, die ohne Verständigung mit den Jahudim einberufen war. Man verlas einen Brief von Louis Marshall, einem der Führer der Fifth Avenue; Marshall schrieb, eine Affäre wie diese wäre nicht in einem Massen- Meeting zu verhandeln, sondern nur durch einige wenige einflußreiche Persönlichkeiten beizulegen, die Erörterung in so breiter Öffentlichkeit schade nur den jüdischen Interessen. Das war ein typischer Fall der Gegensätzlichkeit zwischen der Auffassung und Taktik der Jahudim und der der jüdischen Masse. Nur wer die amerikanische Öffentlichkeit von Grund auf kennt und sich über die Gesetze von Anziehung und Abstoßung der jüdischen Gruppen in ihrer Mitte abschließende Urteile gebildet hat, mag darüber rechten, welche von beiden Seiten schließlich recht hatte. Fest steht jedoch, daß die Taktik der East Side in diesem Fall Erfolg hatte. Die Protestversammlung verlangte vom New Yorker Bürgermeister Genugtuung und proklamierte einen Demonstrationszug von wenigstens hunderttausend Juden vor die City Hall. Noch ehe es dazu *) Der hebräische, ursprüngliche Ausdruck ist: Jehudi. Daraus wurde in der jüdischen Volkssprache Judi, Jude, Jud, Jüd, Jid, im Deutschen Jude, Jud, im Polnischen zyd, beides auch als Schimpfwort. Emanzipation und Haskala hörten vor allem den Schimpf heraus und hinein, und man griff auf die hebräische Grundform zurück, war nun Israelit oder, entre nous: Jehudi. Als hätte quasi das Verschlucken des tonlosen ,,e" aus dem klassischen Jehudi den verschimpfierten Juden gemacht und als wollte man das verschwundene „e" wieder heraufholen, um dadurch in vollen Kurs zu kommen. Dies verschluckte und wieder gerettete „e" dehnte nun der Spott breit und voll in das tönende „a" aus: Jahudim. 412