Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1938)
- Article
- Das letzte Kapitel
- Date
- 1938-01-01
- Page
- 411 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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! [ Das letzte Kapitel gewirkt haben. Es gebe zwar, so heißt es in jenem Aufsatz, und werde gewiß auch künftig noch Juden aus Deutschland in den USA geben, die sich durch Reichtum, Wohltätigkeit, Einfluß und Interesse für jüdische Dinge und überhaupt als Bürger auszeichnen, aber das seien sozusagen Privatleute; sie zeichnen sich nicht als Mitglieder einer bestimmten, eben ihrer Gruppe aus und haben nicht als Exponenten dieser Gruppe den Einfluß, die dem jüdischen Leben in Amerika noch in der vorigen Generation ihren Stempel aufdrückte. Es habe inzwischen ein Kampf um die Hegemonie im jüdischen Leben zwischen dieser Schicht aus Deutschland und den Massen aus Osteuropa stattgefunden, der Sieg der Massen aus dem Osten stehe bevor, es handle sich um ein letztes Kapitel. Der Kampf um die Hegemonie hatte dramatische Momente. Für uns, die wir aus den Ereignissen unsere Schlüsse ziehen und lernen wollen, ist das Psychologische daran mindestens so interessant wie das Historische. Wir fragen uns, warum die Juden aus Deutschland als Gruppe verlieren mußten. Die Verteilung der Kräfte war in der vorigen Generation so: die Juden aus Deutschland waren weniger zahlreich, aber im allgemeinen amerikanischen Leben älter und fester eingesessen, bedeutend an materiellem Vermögen und an Prestige, hervorragend durch Einzelpersönlichkeiten, eine quasi aristokratische Schicht; die Juden aus dem Osten Europas waren und sind mehr Masse und „Volk", Volk mit allen Tugenden und Fehlern ihrer Herkunft: Temperament, größerer Labilität, geringerem Ordnungssinn, weniger Manieren im Sinne der neuen Umwelt und, weil Masse, weil Volk, weil kompakte Gruppe, geringerer Fähigkeit zur Eingliederung. Die Juden aus Deutschland hatten ihr Vorurteil gegen „den polnischen Juden" nach Amerika mitgenommen, sie betrachteten sein Temperament als Unbeherrschtheit und Disziplinlosigkeit und suchten in gleichem Maße den ärmeren Bruder zu unterstützen wie ihn zu erziehen (gelegentlich auch zu begönnern). Aus dem Gefühl dieser ihrer Aufgabe heraus, mit dem Recht ehrlicher Helfer, die immense Summen hergaben, und zwar, wie auf der andern Seite dankbar erklärt wird, „auf die feinste und nobelste Art, mit offener Hand und mit unvergeßlicher Herzlichkeit", mit dem Recht schließlich von gesellschaftlich Höherstehenden machte diese Minorität der Fifth Avenue ihren Einfluß auf die „East Side" in allen jüdischen Dingen geltend, bis in die Politik hinein. Aber die East Side erkannte den Führungsanspruch der Fifth Avenue nur widerstrebend an. Die Unterschiede gerade in jüdischen Dingen waren zu kraß. Die Juden aus Deutschland waren Reformjuden, die aus dem Osten orthodox oder zionistisch oder beides und mochten mit der Reform nichts zu schaffen haben. Oder sie standen in der Arbeiterbewegung und mochten mit den Aristokraten, Plutokraten und Liberalen der Fifth Avenue erst recht nichts zu 411