Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1938)
- Article
- Am Wendepunkt
- Date
- 1938-01-01
- Page
- 407 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Am Wendepunkt gegen den offenen Terror mit eiserner Hand durchgreifen, in der Sache selbst aber dem arabischen Druck weitgehend nachgeben will. Infolge dieser Umstände hat sich der politische Horizont des Zionismus in den letzten Monaten so sehr verdüstert, daß heute — wie die Jüdische Rundschau kürzlich schrieb — der Teilungsplan in England bereits als die pro zionistische Lösung gilt und von einem großen Teil der Öffentlichkeit abgelehnt wird. Damit aber stehen wir an einem entscheidenden Wendepunkt. Denn wenn die Errichtung eines jüdischen Staates etwa in den vom Peel- Bericht vorgesehenen Grenzen schon als die für uns günstigere Lösung gelten muß, so wird man in der Tat einen großen Teil der bisher gehegten Hoffnungen endgültig aufgeben müssen. Wie hoch man immer den Wert eines Judenstaates für (die kulturellen Entwicklungsmöglichkeiten, für die politische Erziehung und das Selbstbewußtsein, ja für den politischen Status unseres Volkes in der ganzen Welt denken mag, — daß die materiellen Möglichkeiten, insbesondere die Aufnahmefähigkeit für neue Einwanderer, bei einem Staat von etwa 5500 qkm Flächeninhalt und einer bereits vorhandenen Bevölkerungsdichte von etwa 100 Köpfen pro qkm nur sehr beschränkt sein können, das vermag nur derjenige zu leugnen, der von den Grundgesetzen der Volkswirtschaftslehre nichts weiß oder nichts wissen will. Die Kleinheit des Zollgebiets, das Fehlen so wichtiger Rohstoffe wie Kohle und Eisen, nicht zuletzt die schon wegen der hohen Landesverteidigungskosten notwendigerweise schweren Steuerlasten müssen die Ansetzung einer besonders dichten Bevölkerung unmöglich machen, wenn nicht der Lebensstandard unserer Menschen auf oder unter den der heutigen ostjüdischen Massen sinken soll. Allzugroße Armut aber würde auch die Entfaltungsmöglichkeiten jeder jüdischen Kultur vernichten. Auf alle Fälle ist es heute hohe Zeit, von Illusionen Abschied zu nehmen und die neue harte Wirklichkeit fest ins Auge zu fassen. Es geht zum Beispiel nicht an, die Frage der Bevölkerungsdichte in dem kommenden Judenstaat, wie es geschehen ist, durch die Behauptung zu verschieben, es komme entscheidend nicht auf sie, sondern auf die Menge des investierten Kapitals an. Welch ungeheure Rolle auch und gerade bei der Anwendung moderner Wirtschaftsmethoden der Faktor der Übervölkerung spielen kann, zeigt in unsern Tagen das weltpolitische Ereignis, daß sich drei der fortgeschrittensten Nationen der Welt, bei denen der Bevölkerungsdruck sehr stark ist, zum großen Teil gerade aus dieser Gemeinsamkeit ihrer Landnot heraus politisch zusammenschließen. Ihre Kooperation dient dazu, ihre Ansprüche auf eine gerechtere Verteilung des Erdraums und auf Entfaltungsmöglichkeiten für ihre wachsende Volkszahl durchzusetzen. Gewiß kann man auch gegen die Ungunst natürlicher Verhältnisse durch Anwendung wirklich großer Kapitalien und moderner Wirtschaftsmethoden viel er- 407