Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1938)
- Article
- Moralische Zwischenbilanz
- Date
- 1938-01-01
- Page
- 403 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Moralische Zwischenbilanz entspringen. In diesem Zusammenhang ist es höchst aufschlußreich und fast belustigend, etwa die folgenden Vorgänge zu beobachten: Die Aufmerksamkeit für die Überseewanderung hat in der letzten Zeit immer mehr zugenommen. Die Folge davon ist, daß man sich auf allen Seiten bemüht, den Anschluß nicht zu verpassen und möglichst die Priorität nachzuweisen. Man betont sehr nachdrücklich seine Verdienste um die jüdische Überseewanderung in Vergangenheit und Gegenwart und hat es überhaupt schon immer gesagt. Dieser lobenswerte Wetteifer kann sehr schnell zu einer Gefahrenquelle werden, wenn man im Feuer der Debatte um die ältesten Rechte auf die Überseewanderung versäumt, sich über deren Zielrichtung und Organisation rechtzeitig und ohne Parteibrille zu verständigen. Über den Einfluß der Personalpolitik auf die Sozialpolitik ist an dieser Stelle erst kürzlich eingehend gesprochen worden. Es gibt den Egoismus der Fonds, der Sammlungen, der sozialen Hilfsinstitutionen. Es gibt ihn auch in der Kulturpolitik. Hier ist die Personalpolitik ebenfalls so lange harmlos, als sie nicht auf Kosten künstlerischer Qualität ein Eigenleben führt. Im gleichen Augenblick jedoch, in dem ein Künstler von Rang aus persönlichen Gründen den Dirigentenstab oder was es sonst sein mag, aus der Hand legt, wird die Gefahr augenfällig. Genau so negativ muß natürlich der Versuch gewertet werden, unter dem Vorwand sächlicher Kritik an einer Kulturorganisation irgendwelchen personellen Interessen zu dienen. Und auch das gehört hierher: Die Übersteigerung und hemmungslose Plakatierung jüdischen Empfindens um einer in hohem Grade ungesunden Judentums- Konjunktur willen. Die Gefahr dieser Judentümelei ist mittelbar, aber deshalb nicht weniger groß. Genau so wie man bei einer übersüßten Speise von Widerwillen gepackt wird, muß eine übersteigerte, künstlich in Betrieb gehaltene jüdische Pseudo¬ Aktivität auf die Dauer die Abkehr weiter Schichten vom Jüdischen überhaupt zur Folge haben: So kann die Phrase des Redners, Schriftstellers oder Funktionärs zum Anlaß einer konterjüdischen Strömung innerhalb der Juden selbst werden, deren erste Wellen schon deutlich spürbar sind. Aber die Bilanz zeigt, wenn wir noch so streng zu Werke gehen, keineswegs nur Passivposten. Es gibt viel Anteilnahme am Geschick des Nächsten, viel Wohltätigkeit; der einzelne jüdische Mensch ist heute dem andern nähergerückt. Die Ergebnisse der Jüdischen Winterhilfe in den vergangenen beiden Jahren haben uns das gezeigt; es wird auch diesmal nicht anders 403