Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1938)
- Article
- Moralische Zwischenbilanz
- Date
- 1938-01-01
- Page
- 404 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Moralische Zwischenbilanz sein. Der wesentliche Teil unserer Gemeinschaft bewahrt die notwendige nüchterne Sachlichkeit im Urteil über die eigne Lage und versteht rasch und ohne Aufhebens für sich selbst die Konsequenzen daraus zu ziehen, wie sie im einzelnen auch aussehen mögen. Er gestattet sich keine auch nur augenblickliche Reaktion der Nerven gegen äußere Geschehnisse und hat, was noch viel schwerer wiegt, die seelische Kraft, zu verhindern, daß diese Spannung zersetzend und zerstörend nach innen schlägt. Dieser tieferen Selbstdisziplin entspricht eine äußere, gegebenen Direktiven auch ohne viel Worte zu folgen; sie hat sich, aufs Ganze gesehen, auch ohne große Machtmittel der Führung bewährt. Das sind große und wichtige Dinge; sie dürfen nicht vergessen sein. Und doch wissen wir, wieviele jüdische Menschen auch heute noch ihre jüdische Pflicht im Sozialen nicht voll erkannt haben (es gibt jüdische Arbeitgeber, auf die das zutrifft). Sie machen es uns schwer, die moralische Bilanz der Juden in Deutschland überwiegend positiv zu gestalten. Und es gibt noch andere, an denen man Kritik üben muß. Menschen, die die aufs Äußerste angespannten jüdischen Hilfsfonds ohne Not in Anspruch nehmen; die nicht bedürftig sind und dennoch um Auswanderungszuschüsse ersuchen; solche schließlich, die -im Auswanderungsland Judenheit und Judentum leugnen und jene nicht mehr kennen wollen, die ihnen geholfen haben. Wir wollten die Aktiv-Posten aufzählen und sind wieder bei den Passiven gelandet. Sieht es denn wirklich so schlimm mit uns aus? Die Antwort muß lauten: Es gibt bei uns Licht und Schatten, Positives und Negatives so gut wie in jeder andern Gemeinschaft. Und wie könnte es anders sein, als daß bei einer Gemeinschaft in Aufbruch und Sorge der Schatten das Licht fast auszulöschen drohte! Aber gerade darum haben wir es nötig, ein starkes Positivum einzuführen, das so manches Minus auszugleichen in der Lage ist: die Selbstkritik. Wo kämen wir hin, wenn sie uns nicht hochhielte, wenn wir unser reges jüdisches Leben nicht mit Maßstäben messen würden, deren Strenge dem Umkreis voller, weiter Bewährungsmöglichkeit entspräche. Es ist nicht leicht, in unserer Bilanz eine Endsumme zu finden. Soll und Haben konnten nur unbestimmt und höchst subjektiv eingesetzt werden. Wuchtige Tatsachenkomplexe wurden auf Eins abgeschrieben, Imponderabilien verstärkten sich zu vierteiligen Faktoren. Es ist eine Bilanz, deren endgültige Bewertung dem Leser überlassen bleibt: — ein Rechenexempel, weniger dazu da, den Verstand zu schärfen als das Gewissen. — z. 404