Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1938)
- Article
- Moralische Zwischenbilanz
- Date
- 1938-01-01
- Page
- 402 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Moralische Zwischenbilanz sehen, wenn man das Wort Intrige aus der Nomenklatur unserer Ausführungen streicht. Daß personelle Interessen Einfluß auf die jüdische Politik gewinnen, ist zwar aus dem immer enger werdenden Lebensraum nur zu leicht verständlich, aber es gefährdet die sachliche Arbeit und muß in der Bilanz der Bewährung als ein beträchtliches Minus verbucht werden. Nun ist zwar gewiß eine Art Personalpolitik im Kampf ums Dasein naturbedingt und nicht immer gefährlich. Menschliches Zusammenleben bedeutet von jeher ein Gegeneinander oder Miteinander von Personen. Wie die Auseinandersetzung mit dem Mitmenschen etwa in Fragen der Ernährung, Wohnung und Kleidung entwicklungsgeschichtlich sozusagen als eine Urform der Personalpolitik betrachtet werden kann, so muß auch die personelle Auseinandersetzung im Berufsleben nicht immer ein Fehler sein, der in Bausch und Bogen zu bekämpfen ist. Beachtlich im negativen Sinn wird sie für uns erst in dem Augenblick, in dem sie sich in der praktischen jüdischen Arbeit in Deutschland eine Art Vorrangstellung anmaßt. Wir haben es verschiedentlich mit einer besonderen Form des individuellen Ehrgeizes zu tun, mit dem Gruppen- und Frontenegoismus. Die Wirkung solcher Strömungen offenbart sich — um ein Beispiel zu wählen —, wenn einer Institution ein Vorschlag (nehmen wir an: ein Auswanderungs- und Siedlungsprojekt) vorliegt und sie diesen Vorschlag innerlich darum ablehnt, weil der Anstoß dazu nicht von ihr selber ausgegangen ist. Auch wenn es in keinem Falle an dem nötigen Scharfsinn mangelt, um den gewählten Standpunkt so felsenfest zu unterbauen, daß man zum Schluß selbst an seine Naturgewachsenheit glaubt, gewinnt dieses Verfahren nicht an Schlüssigkeit. Oder — ein aktueller Fall — ein jüdischer Verband beschwört durch seine Expansionsbestrebungen einen Konflikt herauf, von dem alle Beteiligten wissen, daß er Unsummen personeller und materieller Energien verbrauchen wird, die der jüdischen Arbeit auf produktivere Weise gewidmet werden könnten. Ähnlich liegt es auch mit der Frage, ob Einzelauswanderung oder Gruppensiedlung den praktischen Forderungen der Auswanderungsplanung besser entspricht. Diese Auseinandersetzung ist wichtig und bedarf immer neuer sachverständiger Beiträge. Bedenklich aber wird sie in dem Augenblick, in dem die Argumentation für die eine oder andere Auffassung von Überlegungen diktiert wird, die nicht dem Wunsche nach sachlicher Klärung, sondern dem Interesse einer oder mehrerer in bestimmter Weise festgelegter Gruppen 402