Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1938)
- Article
- Moralische Zwischenbilanz
- Date
- 1938-01-01
- Page
- 401 (sequence 1)
- Language
- German
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DER MORGEN / Monatsschrift beb juden in Deutschland BEGRÜNDET VON PBOFESSOR DB, JULIUS GOLDSTEIN, DABMSTADT 13. JAHRGANG JANUAR 1938 HEFT 10 Moralische Zwischenbilanz Die Frage nach der moralischen Bewährung des Einzelnen und der Gemeinschaft ist in vielen Punkten eine religiöse Frage. Aber der Versuch erscheint gerechtfertigt, sie doch auch einmal vom Politischen her zu stellen und vom Politischen her zu beantworten. Denn in der Welt politischer Handlungen und Tatsachen ist die Kontrollmöglichkeit erheblich größer als im Religiösen: es ist zwar, beispielsweise, kontrollierbar, ob dieser oder jenerdie Speisevorschriften befolgt, jedoch ist es nicht ebenso leicht, seine menschliche Aufrichtigkeit zu prüfen. Der Alltag unseres Lebens ist in Personalpolitik, Wanderungs-, Sozial- und Kulturpolitik eingefaßt. Hier mag die Untersuchung, wie weit die moralische Bewährung unserer jüdischen Gemeinschaft in Deutschland geht, einigermaßen schlüssig geführt werden. Deshalb sei sie unternommen. Man muß vorausschicken, daß die Grundsätze der Staatskunst eines Macchiavelli auf die jüdische Politik nicht angewendet werden dürfen. Andernfalls ist diese Politik nicht mehr jüdisch; denn bei uns gilt nicht die Auslegung, daß der Zweck die Mittel heilige. Jede Analyse des jüdischpolitischen Lebens heute und hier hat darum von den Grundforderungen der Moral auszugehen, wie sie füglich an Einzelne und Gruppen von der Gemeinschaft her zu stellen sind, und sie allein sind als Maßstab zu nehmen. Ohne sich einer Übertreibung schuldig zu machen, kann man aussprechen, daß unser jüdisches Leben in Deutschland stark von personalpolitischen Erwägungen — oder ihnen ähnlichen Tendenzen — beeinflußt wird. Dadurch geriete es schon dann in die gefährliche Nachbarschaft des Unmorali- 401