Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1937)
- Article
- Aussprache zum Thema: "Ende der Bünde"
- Date
- 1937-12-01
- Page
- 388 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895576-2907759--10251-2907811- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Günter Friedländer schief, zuweilen sogar falsch gesehen. So ist es z. B. völlig unmöglich, die heutige Situation der Bünde mit der des Kriegswandervogels zu vergleichen. Im besten Fall sind es Einzelheiten, die sich ähnlich sind, wie etwa der für beide so bezeichnende Führermangel. Der angestrebte psychologische Vergleich ist aber falsch, wie man bei einem Studium der entsprechenden Literatur schnell feststellen könnte. Nicht minder falsch ist es auch, den Juden in Deutschland den Vorwurf für den Führermangel zu machen, weil sie sich in nur zu geringem Maße den Bünden zur Verfügung stellten. Das Gegenteil ist richtig. Gochsheimer weiß selbst, in wieviel Ortsgruppen der Bünde der Betrieb nur deshalb durchgeführt werden kann, weil der betreffende OG-Leiter in irgendeiner Weise von der Gemeinde beschäftigt wird, so daß er seine wirtschaftliche Sicherung erhält. Erwachsene Menschen, die die Juden in Deutschland in ihren Gemeinden schon nicht in ausreichender^ Maße haben, hätten in den Bünden ohnehin nie mitarbeiten können, weil dies dem Wesen der Jugendbewegung nicht entsprochen hätte. Schließlich muß noch gesagt werden, wie problematisch es ist, Pfadfinderei mit Jugendbewegung in allzu starkem Maße gleichzusetzen. Gochsheimer sagt selbst, daß sie eine dritte Form der Jugendarbeit ist, und schildert, wie sie sich in entscheidenden Punkten von der Jugendbewegung abhebt. Die Stellungnahme Gochsheimers läßt sich etwa folgendermaßen zusammenfassen: Kritik tue not, aber im Grunde sei doch alles in Ordnung in den Bünden, bis auf . . . Und nun bringt er eine Anzahl von Symptomen, die die von ihm angegriffene Schilderung an wesentlichen Punkten erweitern und unterbauen. So, wenn er schreibt, daß es kein „Keilen" mehr gebe, keinen echten Kampf um neue Menschen. Gibt es denn ein deutlicheres Zeichen für die mangelnde Schlagkraft einer Bewegung, als wenn sie aufhört, sich um neue Menschen zu bemühen? Es ist schon immer ein Zeichen des Abstiegs gewesen, wenn man glaubte, auf die Propagierung der eigenen Ideen verzichten zu können. Es gibt kaum einen sinnfälligeren Beweis für das Ende einer Bewegung, als wenn einer ihrer Menschen sich beklagt, daß vielerorts in ihr „geistiges Epigonentum" an der Tagesordnung sei, daß eine Anzahl von Menschen auf das eigene Nachdenken verzichtet, weil falsch verstandene Bundestreue Grund genug zum Weiterarbeiten bietet. Nichts anderes ist es, wenn ein Leiter einer jüdischen Schule in Anknüpfung an „das Ende der Bünde" in einer seiner Klassen fragte, wer in einem Bund sei, und von einem der zwei Organisierten dieser Klasse erklärend auf seine Frage nach dem Warum zur Antwort erhielt: „Nur, weil es nicht fair ist, gerade jetzt auszutreten." Es muß aufs schärfste Front gemacht werden gegen diese 388