Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1937)
- Article
- Aussprache zum Thema: "Ende der Bünde"
- Date
- 1937-12-01
- Page
- 387 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895576-2907759--10250-2907810- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Aussprache zum Thema: „Ende der Bände" schließen. Dabei erscheint bei aller Berücksichtigung der Berliner besonderen Verhältnisse die Richtigkeit der von Gochsheimer angegebenen Zahl noch reichlich optimistisch, wenn man bedenkt, daß Berlin, in dessen Mauern mindestens die Hälfte aller jüdischen Jugendlichen Deutschlands wohnt, an der Zahl der Organisierten dann mit nur 7% beteiligt sein sollte. Und wenn es so wäre, wäre selbst diese Tatsache nicht mehr mit dem Hinweis auf großstädtische Eigengesetzlichkeit abzutun, sondern es müßten aus ihr für das Ganze weitgehende Schlüsse gezogen werden. In einer jüdischen Großgemeinde, die 2500—2700 Jugendliche zwischen 10 und 25 Jahren zählt, sind nach Angaben des zuständigen Beamten der Gemeinde von den Bünden insgesamt 754 Mitglieder benannt worden. Bei einer Kontrolle sei aber festzustellen gewesen, daß von ihnen die Hälfte nur auf dem Papier stünden und daß in Wirklichkeit nur 375 Jugendliche aktiv erfaßt seien. In der gleichen Gemeinde werden vom jüdischen Jugendamt 125 gefährdete Jugendliche überwacht. Diese Zahlen sprechen für sich, und ihre Sprache sollte gerade von denen nicht überhört werden, die der Entwicklung, die sie anzeigt, mit tiefer Sorge ins Auge sehen. Daran ändert die Tatsache nichts, daß in einzelnen Gemeinden Westdeutschlands von den Schulen aus stark auf die Kinder eingewirkt wird, in den dem jeweiligen Lehrer nahestehenden Bund einzutreten. Auch die allgemeine Jugendbewegung hatte ihren Höhepunkt längst überwunden, als die Schulen sie zu entdecken begannen. Abschließend sei nur bemerkt, daß hier ausdrücklich darauf verzichtet wird, die Organisierten in Bünde einzuteilen. Geschähe das, so würde sich sogar noch ergeben, daß ein großer Teil der Jugendlichen in Bünden ist, die weder Gochsheimer noch Swarsensky als Jugendbewegung anerkennen würden. Es war nicht möglich, auf einem verhältnismäßig kleinen Raum alle Dinge ausführlich zu behandeln, die zum gestellten Thema gehören: Die Würdigung der Jugendbewegung in ihren Leistungen, die Darstellung ihrer pädagogischen und soziologischen Probleme, ihrer durch Führermangel und ungerechtfertigte Ansprüche sich ergebenden Schwierigkeiten, den Aufriß der Charakteristik des sich selbst überlassenen jüdischen Jugendlichen (den Gochsheimer nur irrtümlich auch auf die Bündischen bezogen glaubt) und die Vorschläge einer- Abhilfe. Vieles konnte deshalb nur angedeutet werden. Vor allem sollte jede Schönfärberei unterbleiben, weil es galt, ein Problem zur Sprache zu bringen, das verhängnisvollerweise ganz übersehen zu werden drohte. Einzelne Dinge, die angedeutet wurden, haben Gochsheimer und Swarsensky im wesentlichen nur etwas ausgebaut und wiederholt, so die Frage des Führermangels und der Leistungen der Jugendbewegung. Ihre Hervorkehrung als solche bedeutet also keinen Einwand. Allerdings scheint auch darin manches 387