Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1937)
- Article
- Aussprache zum Thema: "Ende der Bünde"
- Date
- 1937-12-01
- Page
- 383 (sequence 7)
- Language
- German
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Aussprache zum Thema: „Ende der Bände" Scheidung beläßt. Vielleicht allerdings würde die Jugendpflege eine Möglichkeit der Betätigung für diejenigen Jugendlichen abgeben, die den Weg nach Erez Jisrael nicht zu gehen wünschen und denen dadurch die jüdische Jugendbewegung in Deutschland heute verschlossen ist. Soll die Erörterung des Planes weiter fortgeführt werden, so möge bedacht sein, daß Erziehung stets die Funktion einer Weltanschauung ist. Nur Belehrung und Beschäftigung vermöchten ohne einheitliche Gesinnungsbasis ausgeübt zu werden. Das projektierte jugendpflegerische Institut dürfte nicht auf eigene weltanschauliche Grundhaltung verzichten, wenn es lebendig sein will. Wird es aber eine Gesinnung haben, so muß es freundlich oder feindlich auf die Bünde stoßen. Es wird sie nie ersetzen, und es wird sie nie umschließen. Und es wird der in den Bünden erfaßten Jugend in ihren Sorgen und in ihren so sehr viel weitergehenden Ansprüchen keine Stütze sein. Was bleibt zu tun? So mancher Unheilsprofet hat erleben müssen, daß die Welt auch nach dem vorgeahnten Untergangstermin ihren Gesetzen folgt und besteht. Das Ende der Bünde wird in dem Zeitraum, den wir gedanklich absehen können, nicht eintreten. Einstweilen werden wir weiter unsere Pflicht tun. Daß es Mängel und Gefahrenzeichen gibt, ist den bündischen Menschen bewußt, und einige der Probleme hat die Analyse aufgewiesen. Für sie gibt es keine Patentlösung. Man wird weiterbauen und nicht niederreißen. Ob an sich die Gründung einer jugendpflegerischen Einrichtung erwünscht ist, konnte hier nicht behandelt, sondern nur gestreift werden. Auf jeden Fall ist es abwegig, ihre Notwendigkeit aus einem vermeintlichen Niedergang der Bünde zu erweisen. Wenn der jüdischen Jugendbewegung weiter und wieder Menschen beschert werden, die gewillt sind, mit ihr gläubig zu dienen, wenn es gelingt, aufs neue die belebende Diskussion und menschliche Zwiesprache zu entfachen, wenn die Jugendführer in der Erfüllung ihrer großen Aufgabe weiter wachsen an Einsicht und Erfahrung, dann braucht uns für die Zukunft der jüdischen Jugendbewegung nicht bange zu sein. Die alten Kraftströme fließen noch. Nichts spricht mehr für das Leben eines gesunden Organismus, als daß er sich entwickelt. Entwicklung — nicht die falsche Alternative zwischen Rückkehr oder Untergang! Buber sagt es: „Sieh vor dich, Lukas; es ist Ebbe. Kann die Ebbe Ich sagen? Oder die Flut? Aber denke dem Meer einen Geist, der die Einheit von Ebbe und Flut in sich faßte: der könnte Ich sagen." 383