Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1937)
- Article
- Aussprache zum Thema: "Ende der Bünde"
- Date
- 1937-12-01
- Page
- 382 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895576-2907759--10245-2907805- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Heinz Gochsheimer gegenwärtigen Jungführergeneration, der allerdings wiederum leicht erklärlich ist. Der Jungführer ist zur Auffassung verleitet, daß die Dinge, die ihm einst nach einem starken inneren Kampfe zum Erlebnis und dann zum geistigen Eigentum geworden sind, heute Selbstverständlichkeiten darstellen, weil weder in der Welt der Erwachsenen noch in der der Jugend eine echte Auseinandersetzung um sie möglich ist. In der Jugend gewiß nicht mehr, seit es keine organisierte jüdische Jugendgruppe mehr gibt, die zu grundlegend anderen jüdischen Erkenntnissen gelangt. Der frühere Bund dieser Jugend hatte wohl schon längst vor seinem Ende die Defensive bezogen. Die falsche Therapie Friedländer deutet an, daß der Ausweg aus der von ihm — u. E. falsch — gesehenen Situation in dem Einsatz einer jugendpflegerischen Institution zu erblicken sei. Wir sind der Meinung, daß dieses therapeutische Mittel auch dann, wenn die Diagnose stimmen würde, nur mit größter Vorsicht gebraucht werden darf. Echte Jugend folgt nicht dem Weg geringeren Widerstandes. Es wäre unsinnig anzunehmen, daß etwa die schon bündisch erfaßte Jugend auch nur im entferntesten daran dächte, ihr autonomes Bereich, das sie nach ihren eigenen Gesetzen gestaltete, aufzugeben, um irgendeiner Institution den Weg frei zu machen. 20—25 000 jungen, jüdischen Menschen in Deutschland weist die jüdische Jugendbewegung auch heute noch Sinn und Ziel ihres Lebens. Es wäre frevelhaft, auch nur den Wunsch zu hegen, daß sie in Formen gezwängt werden, die ihr Eigenbewußtsein als Drosselung empfinden muß. Ist es schon vergessen, was Bruno Sommerfeld im Jahre 1936 schrieb (Gemeinschaftsarbeit der jüdischen Jugend): „Es ist ein nicht hoch genug zu veranschlagendes Verdienst der jüdischen Jugendbewegung, daß sie es vermocht hat, den jungen jüdischen Menschen den geistigen und seelischen Halt zu geben, der allein eine harmonischere Lebensführung verbürgt. Es ist wie ein Wunder, daß in der Zeit des Zusammenbruchs der herkömmlichen Werte, in einer Zeit der Gebrochenheit der Erziehungsfaktoren Elternhaus und Schule, die jüdische Jugend aller Lager mit ungebrochenem Lebenswillen ihre Zukunft gestaltet." Es erhebt sich nun noch die Frage, ob mit der Errichtung einer jugendpflegerischen Institution denen gedient würde, die dem bündischen Leben heute noch fernstehen. Es ist wohl zum mindesten fraglich, ob die Jugend, der heute die Möglichkeit offensteht, an einem vollen und pulsierenden Jugendleben teilzunehmen, gewillt sein würde, zu dem dünnen Surrogat organisierter Jugendpflege zu greifen, wenn man ihr die freie Ent- 382