Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1937-12-01 · Heft 9 (Dezember 1937) · p. 380

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 9 (Dezember 1937)
Article
Aussprache zum Thema: "Ende der Bünde"
Date
1937-12-01
Page
380 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895566-2895576-2907759--10243-2907803
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Heinz Gochsheimer Sinne gibt. Wozu auch? Sollten sie revoltieren gegen satte Selbstzufriedenheit ihrer Väter, die doch gekommen waren aus dem Hunger des Körpers und der Seele, aus Unzufriedenheit mit ihrem Los und dem Schicksal des Volkes? Es ist keine innere Notwendigkeit, daß Jugend revoltiert um jeden Preis. „Bewegtheit" an sich ist kein Wert, wertvoll allein ist die Bewegung auf ein Ziel hin. Es steht heute anders als zu einer Zeit, da es allein schon nottat, Bewegung in das Starre zu tragen. Die zionistische Jugendbewegung — und es gibt neben der agudistischen Jugend nur noch zionistische Jugendbewegung in Deutschland — hat aus diesen Tatsachen die Konsequenzen gezogen. Sie bewahrt und bewährt noch die Ideale der „alten" Jugendbewegung, aber sie hat deren Absichtslosigkeit von sich getan. An die Stelle des „Programms der Programm losigkeit" trat eine zielbewußte und methodisch unterbaute Erziehungsarbeit. Das betrifft im letzten nicht das Wesen, aber die Gestalt und Sinngebung der Jugendbewegung. Vielfach hat man sich an das Erziehungssystem der Pfadfinderei angelehnt, in deren Rahmen auch die Jugend zahlreicher anderer Völker zu bewußten Staatsbürgern und Trägern eines nationalen Lebenswillens erzogen wird. Das Pfadfindertum nimmt sowohl gegenüber dem reinen Typus der Jugendbewegung wie dem der Jugendpflege eine besondere Stellung ein. Es lehnt eine eigenartige Jugendkultur mit unersetzlichem Sonderwert an sich, wie sie die alte Jugendbewegung wollte, ab. Es kennt ebenso die Grenzen, die seinen Möglichkeiten neben denen des „amtlichen" Erziehers gesetzt sind. Die Pfadfinder „erträumen" nicht „ein Bild zur zukünftigen Gesellschaft", sondern sie legen Hand an, diese Gesellschaft zu schaffen, indem sie sich bemühen, selber Träger und Kämpfer einer solchen Neuschöpfung zu sein. Indem ein Teil der jüdischen Jugendbewegung sich diese Haltung zu eigen machte, hat er gerade aus ihr eine Bestätigung seiner zionistischen Überzeugung erfahren. Die ihm zugehörigen Jugendlichen fühlen sich berufen, am Aufbau des Staatswesens mitzuwirken, dessen künftige Träger sie sein werden. Sie sehen in der Aufgabe, von Grund auf zu bauen und zu gestalten, eine Chance, wie sie in dieser umfassenden Größe der Jugend eines anderen Volkes kaum je geboten sein wird. Der „Idealismus der alten Jugendbewegung" lebt noch, wenn auch in anderen Formen als ehedem, da es noch sinnvoll erschien, eine „Insel der Werte im Meere der Zwecksetzerei" zu verbleiben. In diesem Augenblick aber, da der persönliche Einsatz für die Aufgaben von Volk und Land in den Vordergrund trat, tat sich eine Gefahr auf, der heute begegnet werden muß: die Fülle der praktischen Aufgaben drohte das Eigentliche zu überwuchern. Man hatte tausend Arbeiten zu verrichten, deren 380

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.