Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1937)
- Article
- Aussprache zum Thema: "Ende der Bünde"
- Date
- 1937-12-01
- Page
- 379 (sequence 3)
- Language
- German
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Aussprache zum Thema: „Ende der Bände" tung auf das Jüdische gesprochen werden kann, sein Träger die bündische Jugend gewesen ist. Die Erwachsenen in ihrer Liquidationsstimmung, ihrer resignierten Passivität vermochten gewiß ihrer Jugend kein Vorbild abzugeben. Aber ebensowenig konnte der Anblick der hilflosen Elterngeneration Anlaß zur Abwendung von den „Alten" sein, Anlaß zum neuerlichen Aufbruch der Jugend gegen die Welt der Erwachsenen. Die ursprüngliche Jugendbewegung ist aus Protest entstanden, aus „Protest gegen Formen, die ihr sinnlos erschienen, gegen innere Unwahrhaftigkeit und krassen Materialismus" (Stahl, Probleme jüdischer Jugendbewegung, „Morgen" 1931 7/2). Damals stand einer aufbruchbereiten Jugend eine Erwachsenengeneration gegenüber, deren äußere Existenz allzu gesichert war und deren unaufrichtige, behagliche Beharrlichkeit und geistige Sterilität die Jugend entsetzte. Heute, da die Existenzbasis der Juden in Deutschland erschüttert ist, kann es keinen revolutionären Schwung gegen Saturiertheit und Beharrlichkeit geben, weil es eben jene Sinneshaltung nicht mehr gibt. Welcher Jugendliche wird an „krassen Materialismus" seiner Eltern denken, wenn er es mit ansieht, wie täglich Briefe ausgesandt werden, um irgendwo einen bescheidenen Ansatz für ein neues Leben aufzuspüren. Welches Kind wird seinen Eltern den Vorwurf machen, daß sie in „sinnlosen Formen" lebten, wenn es weiß, daß „drüben" die konventionelle Etikette endgültig fallen und daß ein bescheiden möbliertes Zimmer an die Stelle der bürgerlichen Fünf-Zimmer-Wohnung treten wird? Wenn es eine Parallele zu dieser Entwicklung gibt, so ist es die des „Wandervogels" in und nach dem Weltkriege. Das revolutionäre Pathos der Jugendbewegung von ehedem verschwand, nachdem Väter und Söhne das gleiche Erlebnis des Schützengrabens geteilt hatten, nachdem Mütter und Töchter das gleiche Elend und die gleiche Not in der Heimat kennen lernten. Gemeinsame Not, gemeinsam überwunden, schafft menschliches Verstehen. Und in jenen Jahren, da auch die wirtschaftlichen Erschütterungen den „Bürger" seiner Ersparnisse beraubten und quälende Ungewißheit an die Stelle einstmaliger Sicherung trat, hat der gemeinsame Kampf um die nationale Zukunft aus einer im Prinzip nur negierenden Jugendbewegung aktive Mit-Arbeiter und damit einen neuen Typus aufbauender Staatsbürger geschaffen. Dem gleichen Entwicklungsgesetz werden auch wir gehorchen. Vorbilder für die jüdische Jugend in Deutschland gibt es nur im neuen Palästina. Auch da finden sich Vorbilder positiver und negativer Prägung, und die Wahl fällt nicht schwer. Es ist kein Zufall, daß es in der zweiten Generation der jüdischen Arbeiterschaft Palästinas keine Jugendbewegung im herkömmlichen 379