Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 8 (November 1937)
- Article
- Constantin Brunner und seine Zeitgenossen
- Date
- 1937-11-01
- Page
- 348 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Hirsch nen, der mit seiner Lanze gegen Windmühlen reitet, — mit der Lanze, da längst die Muskete erfunden war! Welch verworrene Welt! Mit besonderer Schärfe polemisierte Brunner zuletzt gegen Klatzkin, kaum gegen Buber, der ihm in zionistischen Dingen wie in philosophischen keine unmittelbare Angriffsfläche bot. Aber Hermann Cohen! Der hatte im Auftreten vielfach die gleiche Unbedingtheit, das Temperament wie Brunner und war mit der gleichen Heftigkeit gegen Spinoza wie Brunner für ihn. Nicht nur darin sind sie grundverschieden. Hermann Cohen war cler ideale Vertreter des Vorkriegsjudentums in Deutschland. Ein Kopf von Rang und Ansehen, Gründer einer mächtigen Philosophenschule, Methodiker und Nach-Denker von höchstem Niveau, aber wenn man Brunner einen Philosophen nennen muß, der „in Welten" dachte, und wenn eben das Philosophie ist, so war Hermann Cohen — ein Professor der Philosophie. Cohen rettete zuletzt das Judentum als „die Religion der Vernunft". Über Cohens Verteidigung des Judentums gegen politische oder „moralische" Angriffe, .gegen sein Einstehen dafür sonst ist nichts zu sagen, aber Philosophie? Brunner, auch in dieser Richtung konsequent bis zu voltaireschem Spott, gesteht einmal beiläufig, was man auch von Spinoza behauptet hat, es sei ihm letzten Endes um eine Entgötzung Gottes, um eine also allerjüdischste Entanthropomorphisierung des Gottes zu tun, von dem man sich „kein Bildnis machen" solle. Dann hätte Cohen ein, wenn auch vernunftblasses Bildnis gemacht. Cohens jüdisch-politische Stellung: gegen Zionismus, aber nicht für völlige Assimilation, für Wahrung der religiösen und kulturellen Eigenheiten: in Brunners Augen ein logisch unvertretbarer Kompromiß. Brunners Einstellung: da alle faktischen Unterscheidungsmerkmale zwischen den Westeuropäern und den westeuropäischen assimilierten, nicht mehr religiösen Juden zweifelhafter Natur seien, kennzeichne nur mehr das Wort Jude den Juden. Gegen Brunners Logik ist nichts einzuwenden, sie hebt ihn von allen andern jüdischen Philosophen ab, und nur der Politiker Brunner nimmt sich im Rahmen der Zustände nicht eben sonderlich wirksam aus. Er stand mit Haut und Haar gegen den Zionismus, ohne doch eine andere „Patentlösung" der Judenfrage, besonders ohne eine rasch und sichtbar in Szene zu setzende bei der Hand zu haben. Allerdings kann man sagen, daß seine „Lösung" in etwa der religiösesten Auffassung parallel ist, und insofern wäre sie die denkbar jüdische. Ein religiöser Jude, ein wirklicher Chassid oder ein echter Mussarprediger würde auf alle Juden- und Menschennot nur zu antworten haben: Tschuwa tun, in sich gehen, Mensch werden, Jude werden! Und Brunner predigt Liebe, Vernunft, Verständnis, eine „Insel des Verständnisses" zu schaffen tue not, mehr als eine 348