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Der Morgen · 1937-11-01 · Heft 8 (November 1937) · p. 347

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 8 (November 1937)
Article
Constantin Brunner und seine Zeitgenossen
Date
1937-11-01
Page
347 (sequence 5)
Language
German
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Constantin Brunner und seine Zeitgenossen windern des Ghettogeistes die jüdische Leidenschaft zur Nation, wennschon nicht die zur jüdischen Nationalität erkennen lassen. Es fällt mir nicht ein, Brunner vor Ihnen zu rechtfertigen, aber von der engen Warte aus, deren wir bei einer so angeschlagenen Diskussion nun nicht entraten können, ist noch vergleichsweise zu sagen: andre Philosophen seiner Zeit haben sich taufen lassen, andere wieder wieHusserl oder Mauthner, zu stolz, um das formale Zugeständnis zu machen, haben von ihrer Herkunft doch nicht den mindesten Gebrauch gemacht. Brunner stand der jüdischen Religion, die allein er wahrhaft kannte, ferner als sie, dem Volksgedanken feindlicher als irgendwer sonst gegenüber und sah beides mit den Augen eines Philosophen, mit der Distanz eines Mannes, der so „in Welten" denkt, wie man von Politikern sagt, daß sie in Kontinenten denken. Aber er sah Juden und Judentum, die Judenfrage brennt wenigstens in einem Drittel seines Gesamtwerks, er drückte sich nicht um sie herum, sondern er sah sie, im Gegenteil, mikroskopisch genau und durch sie hindurch die große Menschenfrage. Da er sie nicht nur erkannte, sondern daran teilnahm, aber ohne Teilhaberschaft darin, mußte er auch als Judenpolitiker erscheinen und als Kritiker jeder andern Judenpolitik der Gegner schließlich aller Richtungen werden. Hier, als den Judenpolitiker, sehen wir ihn nun zwischen andern großen Zeitgenossen, vornehmlich Theodor HerzI, Hermann Cohen, Martin Buber und Franz Rosenzweig. Auch hier ist der Vergleich angebracht. Mit Herzl verbindet Brunner ein Moment, dessen Bedeutung noch nie recht erkannt wurde. Das Fundament der gesamten zionistischen Aktion ist die Erkenntnis der Wesenhaftigkeit des Judenhasses. Wäre der Judenhaß eine Sache der Gelegenheit und nur auf sporadisches Erscheinen beschränkt, so erübrigte sich der Zionismus. Hätte Herzl nach der Erkenntnis des Judenhasses diesen zur Fundierung der zionistischen Ideologie erst einmal studiert und tatsachenmäßig und psychologisch erschöpfend darstellen wollen, so hätte er bestenfalls Brunners Buch „Der Judenhaß und die Juden" schreiben müssen, besser ließ sichs nicht machen, nur daß dann nicht der Zionismus mehr notwendig die Folge gewesen wäre. Beiden, Brunner und Herzl, gemein ist also die Erkenntnis des Judenhasses als eines erstrangigen Phänomens. Auseinander gehen sie in der Folge, denn um die Frage zu lösen, will, grob gesagt, Herzl die Juden herausschaffen, Brunner den Haß. Der Konflikt zwischen ihnen ist demnach groß, es ist eine Welt zwischen ihnen wie zwischen den Prinzipien des Rechnens mit vorhandenen Tatsachen und des Bildens an geistigen Idealen. Damit soll kein Werturteil gefällt, sondern nur festgestellt sein: den Zionisten konnte Brunner, der mit Güte und Feuer gegen Wahn, mit Wissen und Geist gegen Haß auftrat, bestenfalls als ein armer Ritter Don Quijote erschei- 347

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