Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 8 (November 1937)
- Article
- Constantin Brunner und seine Zeitgenossen
- Date
- 1937-11-01
- Page
- 346 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Hirsch glänzend und scharf charakterisierte, so war das aber auch sein einziges und doch nur mittelbares Eintreten für uns. Recht besehen, sei jedoch auch das nur eine apologetische, defensive, um nicht zu sagen negative, jedenfalls fragwürdige Teilnahme. Was hat Brunner an Jüdischem bejaht? Gewiß, die Bibel, aber als historische Erscheinung, die zu entdecken nicht er uns nottat. Den jüdischen Gott, die praktische Religion lieute hat er nicht bejaht, hat er verspottet. Das jüdische Volk hat er nicht erkannt, nicht anerkannt. Unsere Geschichte — eine für ihn abzuschließende, wenn nicht abgeschlossene Sache. Nur Christus und Spinoza bejahen, die, um es positiv auszudrücken, Überwindung des Judentums bejahen: das heiße ja doch jedenfalls die Entjudung propagieren und legitimiere den Mann keineswegs für das jüdische Pantheon. Es treten Belastungszeugen auf, die alle Angaben des Anklägers erhärten. Es treten Entlastungszeugen auf, die von Brunner, dem Juden, gelassene oder begeisterte Eindrücke mitteilen, von seinem jüdischen Wissen, von seiner Verwendung jüdischer Begriffe und hebräischer Termini in seinen Büchern, von seiner Vorliebe für das Lied Chad gadja und von seiner Leidenschaft für Gerechtigkeit gegenüber den Juden. Und endlich beginnt der Verteidiger sein Plaidoyer. Gewiß sei es schwer, im Hinblick auf die Pantheon-Ehrung festzulegen, was und wer jüdisch genannt werden darf. Aber eins sei sicher, die von der Anklage vorgebrachten Kriterien könnten nicht gelten. Ist das religiöse Verhalten ein Kriterium, sagt er, so kann es wohl nur positiv sein, wenn der „Kandidat" orthodox war; wir bekämen dann ein Pantheon (und schon das Wort Pantheon verböte sich!) von Rabbinen, wir müßten auf unsere besten Namen seit Spinoza verzichten, und nicht genug damit, kämen wir in lächerliche Bedrängnis bei einigen unserer Großen, in denen eben das Religiöse das jüdisch Nationale ausschloß. Welcher Jude würde denn den herostratischen Mut aufbringen, auf Spinoza, weil einige Rabbinen ihn ausstießen, auf Disraeli und Heine, weil es Taufscheine mit ihren Namen gibt, auf Herzl und Bialik, weil sie nicht fromm waren, zu verzichten? Entscheidet die Religionsausübung, so habt ihr bald nicht ein Pantheon der jüdischen Nation, sondern eher eine Plantage für Protestrabbiner. Und das Nationale? Es hat sich in unserm Fall der strengen Definition immer entzogen; jedenfalls darf man es nicht mit dem in unserer Generation wirksamen Nationalismus verwechseln. Nur die höchste religiöse wie nationale Toleranz wird uns gerecht sein und in den großen sozialen Geistern und universalen Philosophen das religiöse, nicht nur das ethische Erbe der Propheten und noch in den konsequentesten Über- 346