Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 8 (November 1937)
- Article
- Constantin Brunner und seine Zeitgenossen
- Date
- 1937-11-01
- Page
- 345 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Constantin Brunner und seine Zeitgenossen Verteidiger: Ein ebenso böses wie dummes Mißverständnis. Brunner hat mehr als einmal betont, er meine Christus, nicht das Christentum. Übrigens ist Christus mittlerweile öfters „heimgeholt" worden und nicht von den schlechtesten unserer nationalen Autoren. Hermann Cohen allerdings — ... Der Vorsitzende lenkt die Debatte zurück. Das Problem sei umrissen, die Verantwortung festgestellt, man wolle mit der Feststellung der Personalien beginnen. Der Protokollführer verliest, daß Brunner am 28. August 1862 zu Altona geboren wurde als Leo Wertheimer. Der Ankläger glaubt, die spätere Änderung des jüdischen Namens als Indiz festhalten zu sollen. (Zustimmung und Widerspruch.) Der Protokollführer verliest Brunners jüdischen Adelsbrief und hebt besonders den berühmten Großvater Rabbi Mosche Wertheimer und den Vater Rabbi Akiba Wertheimer hervor, berichtet von der intensiven religiösen und vaterländischen Erziehung des jungen Wertheimer, von seinen Studien und geistigen Unterhaltungen, von seinem philosophischen Erstlings- und Hauptwerk „Die Lehre von den Geistigen und dem Volke", über Brunners Abseitigkeit von jeder akademischen Karriere und vorbildlichen Haltung fern vom öffentlichen Leben, von seiner Abneigung gegen alle Klüngel und Cliquen und endlich von seinen sozusagen jüdischen Schriften über Judenhaß und Juden, für Christus und Spinoza und gegen jeden jüdischen Nationalismus. Der Ankläger hat das Wort. Die adlige jüdische Herkunft sei eine Verpflichtung besonderer Art. Von dem genial begabten Enkel eines Rabbi Mosche Wertheimer hätte das jüdische Volk mit Recht das Höchste für sich zu erwarten gehabt. Er war zum Führer gewissermaßen vorbestimmt und verpflichtet. Und er hatte alles Zeug dazu. Seine Schriften beweisen, wie gut er in allem Jüdischen zu Hause war. Wie aber benutzte er diese Mitgift? Er wurde ein, wie manche sagen, bedeutender Philosoph. Nun, es kann nicht unsere Aufgabe sein, ihn nach seinen Leistungen auf dem Gebiete der Erkenntnistheorie oder der Psychologie zu beurteilen. Diese Leistungen mögen bedeutend sein — für Fachleute, uns bedeuten sie nicht mehr als, sagen wir, die medizinischen Erfolge des Maimonides oder die chemischen Dr. Weizmanns, nicht einmal so viel, denn Weizmann wußte noch seine chemischen Entdeckungen den Interessen des jüdischen Volkes nutzbar zu machen. Brunners wissenschaftliche Arbeiten dagegen bringen weder unmittelbar noch mittelbar Nutzen. Es sei fraglich, ob man dazu zählen dürfe, was Brunner zur Judenfrage beigetragen. In einem umfangreichen und mehreren kleinen Werken habe er Stellung genommen vornehmlich gegen den Zionismus und auch sonst gegen eigentlich jedes jüdische Verhalten der Juden. Wenn er dabei den Judenhaß 345