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Der Morgen · 1937-11-01 · Heft 8 (November 1937) · p. 344

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 8 (November 1937)
Article
Constantin Brunner und seine Zeitgenossen
Date
1937-11-01
Page
344 (sequence 2)
Language
German
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Leo Hirsch Der Ankläger schnellt von seinem Sitz auf und nimmt den Vorsitzenden ironisch beim Wort. War und wirkte dieser Constantin Brunner denn jüdisch? Die Heimholung sei ein Ideal, also müsse sie gewisse Grenzen haben. Mit der posthumen Heimholung, wie sie in den Schriften einiger Publizisten betrieben werde, sei nichts getan. Irgendein Aufsatz in einer jüdischen Zeitung über den bekannten europäischen Dichter oder Chemiker Soundso sei noch keine Freikarte für ein jüdisches Pantheon, auch wenn der Beschriebene von jüdischen Eltern stammte. Welch eine Farce wäre es doch sonst, etwa Brunners Zunftgenossen Weininger auch nur in Erwägung zu ziehen, der uns so ausbündig gehaßt hat! Wir rühmen uns seiner trotz ihm, er mag sich im Grabe umdrehen, er bekommt schlimmstenfalls eine eigne Kennmarke umgebunden: Jüdischer Selbsthasser! (Ein tolles Wort!) Und damit ist er gekennzeichnet, wir richten vielleicht überhaupt eine Ecke für „Selbsthasser" ein im Pantheon, wir haben ja mehr von der Sorte. Und wenn uns schon der Selbsthasser recht ist, und wir uns auch manches Getauften oder Ausgestoßenen oder Halben bekanntermaßen rühmten, ja wenn die Heimholung so völlig betrieben werde, wie wäre es denn mit Pfefferkorn? Auch von der Sorte haben wir ein reiches, wenngleich noch unsortiertes Lager! Tatsächlich ist die Grenzziehung eine Aufgabe, sagt der Vorsitzende. Auch wenn wir uns weniger extremer, aber bedeutenderer Fälle erinnern, wird die Problematik deutlich, ja noch krasser. Spinoza etwa ist zu seiner Zeit von uns in Bann getan und ausgestoßen, seit hundert Jahren wieder zurückgeholt worden, aber wenn er nun aufgenommen werden sollte, so würde das bestimmt verhindert werden von einem Manne wie Hermann Cohen, säße der unter uns. Aber Spinoza wäre sicherlich im Pantheon, beginnt der Verteidiger, und wenn kein anderer, so hätte ihn Constantin Brunner uns herrlich heimgeholt, und schon dafür verdiente Brunner — Die Debatte wird hitzig. Der Vorsitzende stellt fest, daß Brunner sicherlich Spinoza heimgeholt hat, aber heim wohin? Zu uns? In^ unser Judenpantheon? Nein, ins Universum der Philosophie! Verteidiger: Und sind wir vom Universum ausgeschlossen? Schaffen wir ein Pantheon oder ein Ghetto? Vorsitzender: Ich wollte Tatsachen feststellen, nicht werten. Vielleicht ist das deutlicher, wenn wir uns eines weiteren Falles entsinnen. Als Brunner sein Werk „Unser Christus" veröffentlichte, dessen Titel allein schon eine Art Heimholung bekundet, erklärten ihm viele Juden den Krieg, weil er gewissermaßen als Christenwerber oder Judenmissionar auftrat. 344

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