Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 8 (November 1937)
- Article
- Meyer Isler
- Date
- 1937-11-01
- Page
- 339 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Meyer Isler. Ein jüdisches Gelehrtenleben freund in dem Historiker Carl Ciaassen findet. Da er das zum Examen erforderliche Alter noch nicht erreicht hat, muß er anderthalb Jahre in der Prima bleiben und dann doch noch zum Akademischen Gymnasium hinüberwechseln, ohne das Abitur abgelegt zu haben: der Primus der Klasse ist Jude; und da Isler der Zweite ist, hätten zwei Juden sonst öffentliche Abschiedsreden zu halten gehabt. . . Mit der Berufswahl kommt der erste zeitgeborene Konflikt in die jüdische Familie der Emanzipationszeit. Vater Isler sieht in dem Sohne vor allem den künftigen Leiter seiner Schule und hält die kostspielige Universitätszeit für unnötig (er hat diese Ansicht später gerade im Hinblick auf die Schule aufgegeben). Der Sohn, . der schon als Schuljunge bibliothekarische und wissenschaftliche Neigungen hegte, ist tief niedergedrückt. Da treten die Lehrer des Gymnasiums für ihn ein; man verschafft ihm ein Stipendium von 300 Talern, und 1827 fährt Meyer Isler zusammen mit zwei Freunden nach Bonn (das Marktschiff bleibt bei Koblenz im Nebel auf einem Felsen stecken). Die Berühmtheit der Hochschule war der Romantiker A.W.Schlegel, dessen blonde Perrücke vergeblich die entflohene Jugend vortäuscht. Isler sieht verwundert den Diener erst auf dem Katheder die silbernen Girandolen anzünden, bevor der elegante Professor erscheint; Schlegels Banalitäten enttäuschen ihn, wenn er auch zugibt, daß das Sanskrit-Kolleg Wertvolles bringt. Der eigentliche Magnet der Universität ist für ihn Niebuhr, dessen Lieblingsschüler er wird und der ihn auf alle Weise fördert. Im Gegensatz zu Schlegel ist Niebuhr klein und unscheinbar, und seine Rede stockt zuweilen; aber seine Vorlesungen bergen dennoch köstliches Gut, weil sein riesenhaftes Gedächtnis in allen Ländern und Völkern zu Hause ist und er die Menschen der Antike den Schülern vorführt, „als ob er sie alle persönlich gekannt hätte". Während der fleißige Philologe sich rasch in den Studiengang hineinfindet, spielt sich innerhalb der Familie der Kampf des jüdischen Geschlechts um 1830 ab, gedämpft und noch rechtzeitig beschwichtigt, aber in seinen Grundzügen doch klar erkennbar. Der alte jüdische Schulmeister nimmt mit hingebender Versenkung am Studiengang seines Sohnes teil; trotz aller Sparsamkeit ist ihm kein Opfer zu groß. Aber scharf sieht er die diesem Geschlechte besonders naheliegende Gefahr, daß der Student über dem neuen Wissen die alte jüdische Gemeinschaft vernachlässigen könnte, im Leben und in der Wissenschaft. Einmal gibt es in den liebevollen Elternbriefen ein arges Zwischenspiel, als der Sohn in aller Offenheit berichtet, daß er bei Nichtjuden wohne und esse. Da sind beide Eltern tief verletzt, die Mutter wohl aus ehrlicher Frömmigkeit, der Vater aus begründeter Voraussicht: wenn der Sohn sich auf diese Weise während 339