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Der Morgen · 1937-11-01 · Heft 8 (November 1937) · p. 328

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 8 (November 1937)
Article
Die Bibel im neuen Palästina
Date
1937-11-01
Page
328 (sequence 4)
Language
German
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Ernst Simon besonderen Schwierigkeiten begegnen. Seine Schüler sehen keinen Anlaß, die Werttafeln der Bibel zu zerbrechen oder auch nur in Frage zu stellen. Ihnen wird ganz selbstverständlich Jeremia als derwahre und Chananja als der Lügenprophet erscheinen. Erez Israels Kinder aber sind der Welt der Bibel zu nah und zu fern, um die Tradition einfach zu übernehmen. So stellten die Schüler sehr verwegene und „ketzerische" Fragen: „Ist denn wirklich Jeremia der wahre und Chananja der Lügenprophet? Vielleicht war das wirkliche Recht auf Seiten Chananjas, und vielleicht wäre es seinem Mut gelungen, den Untergang abzuwenden, hätte ihn nicht Jeremias Defaitismus gehindert, das Volk zur heldenhaften Abwehr des Feindes aufzurufen und zu einigen?" Andere wieder, der Auffassung des Lehrers näher, wollten in Jeremia eine Art Vorläufer eines humanen, um innere Läuterung und äußeren Frieden bemühten jüdischen Nationalismus sehen, während Chananja ihnen als Prototyp des modernen Chauvinismus erschien, den es ja auch unter uns gab und gibt. Welche Möglichkeiten und welche Gefahren erstehen da in der Schulstube! Die Möglichkeit, die Stimme des Propheten ganz lebendig zu machen, durch die Jahrtausende hindurch mit ungeschwächter Forderung bis an unser eignes Ohr dringen zu lassen, und die Gefahr, ihr in Widerstand oder Mißverstehen wiederum ungehorsam und untreu zu sein. Doch noch eine andere Gefahr droht hier: in billiger Aktualisierung die historische Gewalt des einzigartigen Augenblicks von damals zu verfehlen — denn Geschichte ist immer beides, das Eine und Selbe wie das Ganzandere, immer neue Welle in ewig gleichem Strom — und so um einer modernen Analogie wegen vielleicht den Ewigkeitssinn zu verfälschen. Diese fruchtbaren Gefahren, — im Gegensatz zu den unfruchtbaren des biblischen Religionsunterrichts der Diaspora, in dem Ewigkeit nicht immer wieder möglich, sondern immer schon dagewesen bedeutet — besitzt der Bibelunterricht in Erez Israel, im Lande der Bibel. Es ist jedoch nicht zu verkennen, daß die Auseinandersetzung um den wahren Sinn der Bibel bei der neuen Generation deutlich im Sinne Berdiczewskys geführt wird. Die Bibel erscheint als das Heldenepos des jüdischen Volkes, als die großartige Urkunde seiner kraftvollen und einfachen Anfänge, gelegentlich auch noch als das „Buch der Kriege Gottes" — sehr selten aber, selbst in den orthodoxen Schulen, als Botschaft und Forderung Gottes an sein Volk. Um sie wieder dazu zu machen, bedarf es einer neuen Basis der Auseinandersetzung. III. Es gibt Anzeichen dafür, daß die ideologische Diskussion um die Bibelauffassung, von der wir ausgingen, heute in ein 328

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