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Der Morgen · 1937-11-01 · Heft 8 (November 1937) · p. 327

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 8 (November 1937)
Article
Die Bibel im neuen Palästina
Date
1937-11-01
Page
327 (sequence 3)
Language
German
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Die Bibel im neuen Palästina Schul- und Erziehungsort des Haschomer Hazair, geeignete Lese- und Vorlesestoffe zu schaffen, hat, wie berichtet wird, die Bibel alle profanen Mitbewerber weit hinter sich gelassen. In den übrigen Schulen der Arbeiterschaft und erst recht des Bürgertums in seinen verschiedenen religiösen Schattierungen behauptet die Bibel unangefochten eben jenen zentralen Platz, den Brenner in Frage zu stellen wagte. Sie ist das eigentliche Lese- und Lehrbuch; aus ihr holen sich die Kinder ihre wesentlichen Kenntnisse der Sprache, des Landes und der alten Geschichte Israels. Diese Feststellung bedeutet aber nicht, es gebe kein Problem der Bibelauffassung im kulturellen Leben Palästinas. Im Gegenteil: die von Brenner aufgestellte Frage, ob die Bibel gelesen und gelernt werden solle, ist zwar positiv entschieden, nicht aber die zwischen Achad Haam und Berdiczewsky diskutierte, wie sie zu lesen sei. In dem meist unterirdischen und nicht zur Bewußtheit gelangenden Kampf zwischen Achad Haams und Berdiczewskys Bibelauffassung hat scheinbar, nämlich in den offiziellen Schulprogrammen und Verlautbarungen, die Achad Haams, tatsächlich aber, nämlich in der Mehrzahl der wirklich gegebenen Schulstunden, die Berdiczewskys den Sieg davongetragen. Die palästinensische Jugend und die hebräische Intelligenz sind weit davon entfernt, die Bibel als eine Einheit aufzufassen und sich der Wertordnung zu fügen, die die Bibel selbst, jedenfalls in der uns vorliegenden Redaktion, in den Vordergrund stellt. Ein praktisches Beispiel wird die Verschiedenheit deutlich machen. Die Oberklasse einer palästinensischen höheren Schule liest das Buch des Propheten Jeremia. Das berühmte 28. Kapitel schildert bekanntlich den Streit zwischen Chananja, dem „Lügenpropheten", und Jeremia, dem Propheten Gottes. Er spielt im Jahre 597, dem ersten Regierungsjahre des letzten Königs von Judäa, Zedekia, kurz nach der Fortführung seines Vorgängers Jojachim in die babylonische Verbannung durch Nebukadnezar, der elf Jahre später Jerusalem zerstören wird. Auf dem Marktplatz der Stadt feuert Chananja das Volk durch optimistischpatriotische Reden an, deren Wirkung er mit einer symbolischen Handlung unterstützt: er zerbricht zum Zeichen dafür, daß Israel das Joch des babylonischen Königs zerbrechen werde, eine hölzerne Jochstange, die Jeremia auf dem Nacken trägt; Jeremia, der nichts sehnlicher wünscht, als Unrecht zu behalten, entfernt sich schweigend, doch nur, um am nächsten Tage mit einer eisernen Jochstange wieder zu erscheinen, die kein Chananja mehr zerbrechen kann. Der Lügenprophet stirbt, Jerusalem fällt. Der jüdische Lehrer, der dieses Kapitel im „Religionsunterricht" irgendeiner Gemeinde der Diaspora unterrichtet, wird hier kaum 327

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