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Der Morgen · 1937-11-01 · Heft 8 (November 1937) · p. 321

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 8 (November 1937)
Article
Einwanderung nach Amerika
Date
1937-11-01
Page
321 (sequence 5)
Language
German
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Einwanderung nach Amerika der amerikanischen Provinz, in der Regel mit skrupulöser Anständigkeit geführt wird, und daß besonders im Kleinhandel niemand sich halten kann, der den Verdacht auf sich lädt, sich nicht ganz fairer Methoden zu bedienen. Die Methode in weiten Teilen der Vereinigten Staaten, daß in den großen Lebensmittelgeschäften die kaufende Hausfrau selbst die Ware aussucht und abwiegt, ist charakteristisch für die Beziehungen zwischen Käufer und Verkäufer im täglichen Verkehr. Voranschläge von Handwerkern, Gutachten über Reparaturbedürftigkeit sind im ganzen eher zuverlässiger als in Europa; bei der Ausführung gilt das freilich manchmal mehr für die Gewissenhaftigkeit als für die Sachkunde, denn die Ausbildung von Facharbeitern ist vielfach nicht auf europäischer Höhe. Daß der Einwanderer seine Augen aufmachen muß, wenn er ein Geschäft oder ein Grundstück kauft, versteht sich trotz alledem von selbst; auch daß man sich einen Mietvertrag genau durchliest, zumal bei der für den Kontinentaleuropäer schwer zu erfassenden Kompliziertheit des angelsächsischen Rechts die Möglichkeit von Mißverständnissen recht groß ist. Angenehm wird man es finden, daß mindestens an den kleineren Plätzen die Vermietbüros es vielfach als gute Geschäftspolitik betrachten, sich um die Auswirkung des Mietvertrags zu kümmern und Mieter und Vermieter objektiv zu beraten. Aber so wichtig Vorsicht ist, noch wichtiger ist es für den Einwanderer, sich nicht den Ruf zu erwerben, daß er „too sharp in business" sei. Er soll sich dabei auch in Amerika vor falschen Beratern hüten. Der Intellektuelle hat hier vielfach ein in Europa unbekanntes Maß von Ressentiment gegen das Geschäftsleben, besonders das größeren Stils (obwohl andererseits wieder die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Berufsgruppen enger sind als in Europa). Wer sich als Geschäftsmann über Berufssitten unterrichten will, spreche mit eingesessenen Geschäftsleuten der gleichen Branche, als Arzt mit erfahrenen Berufskollegen, deren Ansehen außer Frage steht; in beiden Fällen pflegen Juden der älteren Generation zu den besten Beratern zu gehören. Zu der geistigen Vorbereitung des jüdischen Einwanderers gehört natürlich auch Nachdenken über die Judenfrage in Amerika. Dabei sollte sich jeder darüber klar sein, daß die überwältigende Mehrzahl der amerikanischen Juden aus dem Osten Europas gekommen ist, vielfach mit Unterstützung jüdischer Wohlfahrtsorganisationen in Deutschland. Diese Unterstützung ist, wie wir nicht verschweigen können und wollen, zuweilen von einer Haltung begleitet gewesen, die den Unterstützten weh getan hat. Es entspricht der menschlichen Natur, daß die ehemaligen Ostjuden in Amerika sich der manchmal verletzenden Haltung deutlicher erinnern als der großartigen Leistungen un- 321

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