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Der Morgen · 1937-11-01 · Heft 8 (November 1937) · p. 320

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Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 8 (November 1937)
Article
Einwanderung nach Amerika
Date
1937-11-01
Page
320 (sequence 4)
Language
German
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Carl Landauer Der praktisch bedeutsamste Fall solcher Kritik ist der der Ärzte. Der Arzt, der aus Deutschland nach Amerika kommt, findet viele wissenschaftliche Anschauungen und manches in der Haltung gegenüber den Patienten sehr verschieden. Kein objektiv denkender eingewanderter Arzt bezweifelt, daß die medizinische Schulung seiner amerikanischen Kollegen im Durchschnitt ausgezeichnet ist; was Zweifel und Kritik erregt, sind diagnostische Gewohnheiten und das,'Was man das eigentlich Ärztliche im Gegensatz zum strikt Medizinischen nennt. Die Spezialisierung im ärztlichen Beruf und die Erarbeitung immer komplizierterer Methoden hat überall die Gefahr hervorgerufen, daß der Blick für das Ganze über den technischen Einzelheiten verloren geht und der Begriff des Kranken als einer Persönlichkeit durch den Begriff des „Falles" ersetzt wird. Es ist möglich, daß die amerikanischen Ärzte dieser Gefahr in höherem Maße unterliegen als ihre europäischen Kollegen. Aber der Einwanderer ist durch nichts gehindert, ein so guter Arzt zu werden, wie er das nach seinen Anlagen und Kenntnissen vermag. Dazu gehört es durchaus nicht, daß er seine amerikanischen Kollegen, wenn er sich für die Praxis vorbereitet und deshalb im Krankenhaus mit ihnen zusammenarbeitet, aufs intensivste über die Nachteile der amerikanischen Methoden belehrt, ohne sich um ein Verständnis der Gründe zu bemühen, warum dies und jenes anders ist. Die dadurch erzeugte Mißstimmung hat wahrscheinlich mehr als die tatsächlichen Konkurrenzwirkungen dazu beigetragen, daß die Zulassungsvorschriften oder ihre praktische Handhabung für ärztliche Neuzuwanderer in einer Reihe von Unionstaaten verschärft worden sind. Viele Einwanderer haben aus mündlichen Reiseschilderungen oder aus Büchern den Eindruck gewonnen, daß in Amerika die geschäftlichen Methoden allgemein sehr unsolide seien und daß man, um nicht zu verhungern, notgedrungen „mit den Wölfen heulen" müsse. Sicher denken Tausende wie die jüdische Doktorsgartin, die in San Franzisko eine Stadtküche oder eine Schule für schwedische Gymnastik aufmachen wollte und vor der Auswanderung brieflich anfragte, ob man da wohl die „berüchtigten amerikanischen Geschäftsmethoden" anwenden müsse. Wahrscheinlich ist die Legende von diesen Methoden durch die freilich berüchtigten Mittel entstanden, durch die einige der amerikanischen Trustmagnaten (keineswegs alle) ihr Vermögen erwarben. Richtig ist außerdem, daß New York alle moralischen Schattenseiten einer Weltstadt hat und daß die amerikanische Börse und der Terrainmarkt in einigen Teilen der Union spekulativer ist, als man es wohl irgendwo in Europa findet (was vor allem mit der weitverbreiteten Spielleidenschaft zusammenhängt). Aber das ändert nichts daran, daß das alltägliche Geschäft, besonders in 320

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