Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 8 (November 1937)
- Article
- Einwanderung nach Amerika
- Date
- 1937-11-01
- Page
- 319 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Einwanderung nach Amerika durchaus nicht ein verwöhnter Abgott ihres Mannes ist, der freilich im Haus mehr helfen muß als der europäische, aber nur, weil der amerikanische Mittelstand Haushalthilfe nicht bezahlen kann? Daß man im Sommer in den Bergen und Wäldern Hunderttausende von Familien findet, die zwar meist nicht wandern, aber wochenlang einfach und naturnah miteinander leben, und daß viele von ihnen zu der besten Gesellschaft gehören, die einer irgendwo auf der Welt finden kann? Daß es sehr, sehr viele stille, nachdenkliche und wahrhaftige Menschen in Amerika gibt? Man könnte diese Liste von Dingen, die dem Einwanderer das Sicheinleben leichter machen würden, wenn er sie nur wüßte, noch bedeutend verlängern. Natürlich gibt es die Kehrseite auch. Daß man sie übersieht, verlangt niemand, auch kein Amerikaner. Das amerikanische Selbstgefühl in kulturellen Dingen ist unterentwickelt; man ist manchmal versucht, von einem Minderwertigkeitskomplex zu sprechen. Für den Einwanderer liegt darin eine besondere Gefahr. Seine amerikanischen Bekannten werden ihm in hundert Arten zu verstehen geben, sie wußten schon, wievieles in Europa besser sei; er wird nicht immer erkennen, daß sie von ihm hören wollen, er finde aber auch \ieles in Amerika besser. Und doch ist der Amerikaner tief enttäuscht, wenn er seine nationalen Leistungen nicht anerkannt sieht, um so tiefer, weil er sich selbst in seinem Urteil über ihren Wert unsicher fühlt. Es hat keinen Sinn zu verschweigen, daß aus diesen Verstimmungen heraus sich Reibungen zu entwickeln beginnen, die viel tiefer gehen, als der Einzelne, der die seelischen Grundlagen nicht kennt, ihnen gewöhnlich zuschreibt. Und sie wären so leicht zu vermeiden. Wenn der Einwanderer gefragt wird, wie er mit den amerikanischen Schulen zufrieden sei, so braucht er durchaus nicht zu verschweigen, daß er von den Methoden des Sprachunterrichts nicht begeistert ist (er ist in der Tat unverständlich schlecht); er braucht nur hinzuzufügen — und jeder kann das mit dem besten Gewissen der Welt tun—, daß der Geist der Fairness und Kameradschaft in der Schülerschaft selbst und zwischen Lehrern und Schülern schlechthin beispielhaft ist und daß die Idee, die höhere Schule der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit wie den praktischen Bedürfnissen der Massen anzupassen — über 50<>/o aller amerikanischen Kinder besuchen sie — eine sozialethische Konzeption ist, die es anderswo nicht gibt. Wenn der Amerikaner selbst von Lynchverbrechen, von Ausbrüchen des „mob-spirit", von Korruption im öffentlichen Leben erzählt, warum ihm nicht wahrheitsgemäß erwidern, daß heute eine Reaktion des öffentlichen Gewissens durch das Land geht, deren Stärke fast überraschender ist als die Fortexistenz jener historisch bedingten Übelstände? 319