Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 8 (November 1937)
- Article
- Einwanderung nach Amerika
- Date
- 1937-11-01
- Page
- 318 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Carl Landauer zur Last, und ebenso, wenn Umzug sich mit weiten Reisen verbindet; wer aber in eine kalifornische Mittel- oder Kleinstadt kommt, wo man weder am Bauplatz noch am Baumaterial zu sparen braucht und deshalb geräumig wohnt, trauert jedem zuhause gelassenen Stück nach. Die wichtigere Frage der Berufschancen ist wegen der geographischen Verschiedenheiten gleichfalls sehr schwer zu beantworten: niemand, auch keine New Yorker Hilfsstelle, besitzt einen Überblick über die Verhältnisse in den 48 Staaten der Union. Auch das geistige Klima ist viel verschiedener, als der Europäer aus Büchern und Reisebeschreibungen erwartet. Das schließt nicht aus, daß gewisse Haltungen, die man bei manchen Einwanderern findet, für ganz Amerika einheitlich falsch sind. Für jeden jüdischen Amerikawanderer müßte es zur geistigen Reisevorbereitung gehören, im Juniheft des „Morgen" den Artikel von Joachim Prinz zu lesen. Darin stehen Dinge, die noch von niemand so eindrucksvoll gesagt worden sind; die Schlußfolgerungen, die Prinz zieht, können die Einwanderer in ihrem eigenen Interesse und dem aller Schicksalsgenossen gar nicht genug beherzigen. Frühere Einwanderer kamen nach den Vereinigten Staaten aus freiem Willen, auf der Suche nach besseren wirtschaftlichen Möglichkeiten. Den meisten blieb der Rückweg nach Hause offen. So konnten sie frei von aller Krampfhaftigkeit erproben, ob sie sich in die Atmosphäre einleben könnten. Viele Einwanderer entwickelten höhere kulturelle Ansprüche erst in Amerika selbst, so daß amerikanische Lebensauffassung sich ihnen im eignen Lernen erschloß. Unsere Einwanderer kommen mit dem Gefühl der Dankbarkeit für das Visum, doch nur zu oft mit Furcht vor der Rolle des Muß-Amerikaners. Amerika ist für sie das Land des money-making, der> Trustmagnaten, der reißerischen Zeitungsüberschriften, der betrügerischen Reklame, des oberflächlichsten Kinos, des Kidnapping und des Jazz. Warum hat man ihnen nicht auch gesagt, daß es auch das Land eines unvergleichlichen Bildungsidealismus ist? Wer hat ihnen davon gesprochen, daß die Grenzer und Siedler im halb- und ganzwilden Westen schon in den ersten Dezennien des neunzehnten Jahrhunderts, kaum daß sie Blockhütten gebaut hatten, für Schulen sorgten und an Universitäten dachten? Daß die Kirchen in Amerika, wie vielleicht sonst nirgends in der Welt, dem Einzelnen die Verantwortung für soziale Mißstände einprägen und gerade deshalb lebenskräftiger sind als in Europa? Daß das amerikanische Familienleben, obwohl frühe Heiraten Mißgriffe in der Wahl des Partners und deshalb spätere Scheidungen häufig machen, in stärkstem Maß auf gegenseitige Rücksicht gestellt ist? Daß die amerikanische Frau hart arbeitet und 318