Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 13 (1937-1938)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1937)
- Article
- Zum Abschluß der neuen Berliner Bibel [Rezension]
- Date
- 1937-10-01
- Page
- 307 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2895450-2895566-2895574-2907599--10127-2907658- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
nius der verschiedensten Dichter zu Nachgestaltungen von eigenem Wert erweckt hat. Der kühne Szenenwechsel zwischen Erde und Himmel, die Wette mit dem Teufel, die verblüffend wirksame Monotonie der Botensprüche: „. . . Nur ich entrann, nur ich allein, um dir's zu melden", die Dialoge und Gesprächsgänge, — kein Werk der Weltliteratur bietet größere Rätsel und Wunder. Die breit ausgesponnenen Wechselreden drehen sich wie in einer Gerichtsverhandlung — „im Tor der altisraelitischen Rechtsgemeinde" — um Hiobs Schuld, die in scharfen und oft weithergeholten Debatten hin- und hergewendet wird. Die Zertrümmerung des einfachen Glaubens an die Möglichkeit, in der Erfahrung des Lebens das göttliche Walten als menschlich gerecht zu begreifen, ist das große unausschöpf liehe Thema der Dichtung. Die ganze göttliche Unbegreiflichkeit wird sichtbar gemacht in den jeder „Begreiflichkeit" baren Schöpfungen der Erde und des Meeres, von Morgenrot und Morgensternen, von Schnee und Regen in den Schöpfungen der Tierungeheuer in ihrer Wildheit und der lebensgefährdenden Torheit ihres Tuns. In den überdimensionalen Reden „aus dem Sturmwind" antwortet Gott selbst auf Hiobs Anklagen. In fürchterlich-ironischem Hohn, mit der gleichen Geste, mit der er mit dem Satan „gewettet" hat, lädt er seinen Knecht Hiob ein, den göttlichen Thron doch selbst zu besteigen und das Schöpfungsgeschäft selbst zu besorgen (40, 8 ff.): „Hast etwa du den Arm gleich Gott, Vermagst im Hall wie er zu donnern? So schmück dich doch mit Hoheit, Majestät! . . . Dann will auch ich dich preisen, Daß deine Rechte Sieg dir schafft." Fast unüberwindlich die Schwierigkeiten, die grandiosen Schilderungen des Nashorns und des Krokodils in deutscher Sprache textgerecht wiederzugeben, die höhnische an Hiob gerichtete Aufforderung (in Kap. 40) zu treffen, er solle doch den tieferen Sinn, die „Nützlichkeit" oder „Gerechtigkeit" der von Gott geschaffenen Kreaturen und wilden Tiere erfassen, sie nachbilden oder zu Nutz- und Ziertieren machen. Wieder zeigt sich, daß die kommentarlose „Laienbibel" in deutscher Sprache nur mehr Kommentar unter Kommentar sein kann und nicht mehr für sich (ohne den Originaltext) zu bestehen vermag. Keine Kunst des Übersetzens kann darüber hinweghelfen. Die leichteren Partien der Kerubim, wie Ester, Teile von Daniel oder Esra, mögen in der Übersetzung für sich wirken und stellvertretend wie das Hebräische verstanden werden. In den großen biblischen Hymnen und Dichtungen, etwa den Psalmen, kann nur ein genialer Nachdichter Ton, Geist und Sinn des Originals, ohne daß ein Rest bleibt, in der fremden Sprache wiederholen. Es darf nicht vergessen werden, was Wilhelm von Humboldt am kürzesten so ausgedrückt hat: die Sprachverschiedenheit besage nicht eine „Verschiedenheit von Schällen und Zeichen, sondern eine Verschiedenheit der Weltansichten selbst". Die Psalmen-Übersetzung von Emil Bernhard' Cohn ist eine Enttäu- 307