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Der Morgen · 1937-10-01 · Heft 7 (Oktober 1937) · p. 295

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 7 (Oktober 1937)
Article
Der Schuhkarton
Date
1937-10-01
Page
295 (sequence 3)
Language
German
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Der Schuhkarton Fetzchen Packpapier von einem Schuhkarton. Ich habe noch niemals einen so schlechten Verkäufer gesehen. Er wühlt in seinem Kasten, aufgeregt, ein paar Späne Holzwolle fallen heraus. Immerfort knicken dem Kleinen die Knie ein, ich bin schon ganz nervös davon, und jetzt — jetzt schwirrt mir die magere Hand entgegen und hält mir ein Blankes unter die Nase. Silberkrebs? Zitronenpresse? Büchsenöffner? Rauchverzehrer? Vorsichtig nehm7 ich's in die Hand. Ich wende es und kehre es, es wiegt soviel wie eitel Luft und nichts, besteht aus spiegelblankem Eisenblech, hat vier Beine, Kopf und Schwanz, Halsband, Hängeohren und einen ausgefransten Bart aus kleingeschnitzeltem Metall: ein Urwelttier, halb Drahthaar und halb Ichthyosaurus, ein Stück gelötete Hilflosigkeit. „Kaufen — kaufen!" fleht der kleine Mann. Während ich nach Worten suche, nach milden, guten, zarten Worten des Versagens, schau' ich dem Männchen in die Augen. Ein Weilchen halte ich das aus; plötzlich schlägt er die Hände vor's Gesicht, schluchzt verzweifelt, schwankt, knickt in den Knien und — liegt auf der Erde. Ich bin sekundenlang gelähmt; dann komm' ich zu mir, zerre den Gestürzten auf, schieb7 ihn in die Küche und drück' ihn auf das Bänkchen am Herd. Der blanke Ichthyosaurus in meiner Rechten hat einen leicht verbognen Schweif davongetragen. Ich setze das Geschöpf mit Liebe auf den Küchentisch, hole noch den Schuhkarton von draußen und schließe seufzend die Tür. „Möchten Sie einen Schluck Malzkaffee?" „Ich bin kein Bettler, meine Dame —" „Quatsch' mich nicht so dämlich an! Viel oder wenig Milch dazu?" „Nur ein Tröpfchen, wenn ich bitten darf —" „Möchten Sie das Käsebrot? Oder lieber das mit Wurst?" Er sieht mich an; jetzt, wo er doch sitzt, knickt ihm mit einmal der Kopf nach vorn. Die Gelenke sind so schwach, haltlos schwanken alle Glieder. Bei Gott, es sieht aus, als wollt' er gleich den Kopf verlieren. — Wir frühstücken. Nach der dritten Tasse Kaffee stößt mein neuer Freund verstohlen auf. Er wird blaß vor Scham darüber, — wer mag ihn wohl so gut erzogen haben? Nun stoß' ich auf, wie ganz von ungefähr; das ist ein kleiner Kniff, eine meiner besten Fertigkeiten. Erleichtert läßt der Kleine seinen Kopf nach vorne fallen. „Gestatten—", sagt er und steht auf. „Mein Name ist —" Ich kann es einfach nicht mehr ansehn, jetzt knicken ihm schon wieder die Knie ein. „Sie sollen sich setzen", sage ich müde, „ich sehe gar keinen Grund, warum Sie unbedingt aufstehen müssen, wenn Sie mir Ihren Namen sagen wollen". Er sinkt auf seine Bank zurück. Ich habe seinen Namen nie erfahren. Und 295

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