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Der Morgen · 1937-10-01 · Heft 7 (Oktober 1937) · p. 294

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
13 (1937-1938)
Issue
Heft 7 (Oktober 1937)
Article
Der Schuhkarton
Date
1937-10-01
Page
294 (sequence 2)
Language
German
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Mala Laaser und stellen demzufolge mit Recht gewisse Ansprüche an mich; die andern haben ein festes monatliches Einkommen und sind demzufolge stets in Sorge, daß ich einmal, und zwar zu Unrecht, gewisse Ansprüche an sie stellen könne. Die einen nennt man Freunde, die andern nennt man die guten Freunde. Lise und Jaköppchen sind Freunde von mir, und beileibe nicht die einzigen. Es ist wirklich erstaunlich, wieviel Freunde ich habe. Manchmal ist es mir völlig unbegreiflich, daß ich mich trotzdem hoffnungslos verlassen fühle — Jaköppchen will 2 Mark 50 — um 10 Uhr. Lise möchte bei mir essen — um 1 Uhr. Heute ist der 29. September. Ich besitze 3 Mark 75. Gedankenvoll bereite ich mein Frühstück: Malzkaffee, auch „edles Naß" genannt, und belegte Butterbrote. „Gedankenvoll bereite ich mein Frühstück" ist eine wundervolle Schreibtischblüte. Ich koche also meinen Malzkaffee und zerbreche mir für meine Freunde den Kopf. Der Kaffee summt in der Kasserole. Er ist ein Witzbold, aber durchaus einer mit schlechtem Charakter. Solange man ihn anstiert, bleibt er zahm; im Augenblick aber, in dem man sich vom Kochtopf kehrt, quillt er auf und spielt Überschwemmung. Die Situation ist also folgende: der Kaffee summt, mein Schädel brummt, Berlin-Charlottenburg, am 29. September. Da klingelt's kurz an meiner Tür. Der Malzschalk grinst schon frech im Kaffeetöpfchen; dieweil ich draußen öffne, hör' ich ihn kichernd auf dem Gasherd hüpfen. Ich werde Jakopp, meinen Freund, nicht eben wohlgelaunt empfangen. „Meine Dame- — liebe Dame —" Es steht ein armer Jude vor meiner Tür. Ein kleines, gelbgedrücktes Männchen. „— haben Sie doch Mitleid mit einem armen Glaubensgenossen —" Das Männchen hat nicht einmal einen Hut, nur einen viel zu weiten Regenmantel. „— dem jedermann die Türe vor der Nase zuschlägt —" So mager und so elend ist der Mensch. Wie ein Neugebornes, so zerdrückt. „— liebe Dame — gute Dame — kaufen Sie mir etwas ab!" Beim Sprechen knicken seine Knie ein, wahrscheinlich nicht einmal aus Schwäche, sondern aus Verzweiflung. Kinder, die man grundlos tadelt, schwanken so auf beiden Beinen. „Scheren Sie sich ins Vorderhaus mit Ihrem Teufelsdreck!", müßte ich ihm jetzt freundlich sagen, „im Vorderhaus, zwei Treppen links, wohnt der reichste Jude aus dem Haus. Der wartet nur auf arme Leute, und der kauft jedem etwas ab. Ich kann nichts kaufen, lieber Freund! Und wenn Sie hier zusammenbrechen —" Indessen sag' ich leise, damit ich's selber nicht zu hören brauch7: „Was haben Sie denn zu verkaufen?" Dem Kleinen knicken unentwegt die Knie ein. Die Augendeckel flattern ihm, seine dünnen Hände lüpfen zitternd ein 294

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